«Hallo Markus.» Markus Wildisen zögert. «Dominic, wir haben uns einmal beim BLW getroffen.» Wildisens Augenbrauen heben sich. «Ah, ja?» fragt er. «Ja, aber das ist sicher schon zehn Jahre her.» fährt Dominic Blättler fort. «Ach ja, genau!» erwidert Wildisen und lacht.

Es ist eine Szene, wie sie an diesem Freitagabend an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) in Zollikofen mehrfach vorkommt. Die HAFL hat zum Partneranlass geladen. Gekommen sind etwa 100 Personen, von der HAFL, aus der Industrie, der Politik und dem Verbandswesen. Man kennt sich. Von früheren oder von laufenden Projekten. Von anderen Veranstaltungen oder einfach, weil man einmal zusammen studiert hat.

Vier Stunden vorher eröffnet die HAFL-Direktorin Magdalena Schindler den Anlass im bis auf den letzten Platz gefüllten Hörsaal 2. Draussen wärmt die Frühlingssonne die schwarze Fassade, drinnen wartet man auf die Präsentationen der HAFL-Projekte: Es geht um Freihandel, Milchviehfütterung, die neusten Entwicklungen bei den Studienangeboten und die neuen Kurse im Bereich Digitalisierung, Aquakultur, Nachhaltigkeitsmanagement und eine «Tour d’Horizon», was bei der Institution HAFL so läuft.

Neue Ausbildungsmöglichkeiten

Vor 51 Jahren war die ETH in Zürich die massgebliche Kaderschmiede. Alles, was Rang und Namen in der Agrarbranche hat(te), studierte in Zürich Agrarwissenschaften. Heute, 51 Jahre später ist das Bild ein anderes: Die ETH hat sich vermehrt der Grundlagenforschung verschrieben, an den landwirtschaftlichen Schulen werden Agrokaufleute und -techniker zu künftigen Kadern ausgebildet. Und in Zollikofen? «Wir lehren praxisorientiert und wissenschaftlich fundiert», erklärt Urs Scheidegger. Wie der Leiter der Masterstudien ausführt, versucht die HAFL, mit neuen Ausbildungsgängen und Zusatzvertiefungen auf die Herausforderungen der kommenden Jahre zu reagieren. Das heisst, dass auch Inhalte zum Thema Bewässerung vermittelt werden. Wer will, kann einen Lehrgang in Aquakultur besuchen, oder sich in Zusatzvertiefungen mit dem Klimawandel oder der Digitalisierung oder dem Bio-Landbau und dem Ressourcenschutz beschäftigten.

Forschung muss mehr können

Die Ausbildung ist in Bewegung. Und die Studiengänge scheinen offener und weiter zu sein, als das noch vor 50 Jahren der Fall war, als die HAFL gegründet wurde. Das hat zwei Gründe: Erstens ist der Teil der Studierenden, die über die gymnasiale Matura an die HAFL kommt, stark gewachsen. Das Vorwissen der Studierenden ist damit ein anderes, und das muss auch in der Studienplanung berücksichtigt werden. Zweitens ist die landwirtschaftliche Forschung heute vernetzter, sowohl geografisch als auch thematisch. Und das bedingt offenere Fragestellungen, einen kritischeren Umgang mit den Meinungen und Fakten. Dass man in der Forschung über den Tellerrand hinausschaue, zeichne die HAFL heute aus, ist deshalb Direktorin Magdalena Schindler überzeugt.

Differenzierte Meinung zur Trinkwasserinitiative

Die HAFL lebt aber auch von ihren Experten und Personen. Hans Ramseier ist einer von ihnen. Der Dozent für Pflanzenschutz und ökologischen Ausgleich ist so etwas wie der Mister Pflanzenschutz in Zollikofen. Und er wird nach seiner Präsentation zur Umsetzung des Aktionsplan Pflanzenschutz des Bundes gefragt, was er von der Trinkwasserinitiative hält. Die Antwort fällt, wie man es erwarten kann, differenziert aus: «Ich halte die Trinkwasserinitiative für sehr gefährlich», sagt er. Und er fügt an: «Aber die Initiative ist sehr sexy. Niemand ist gegen sauberes Trinkwasser. Gleichwohl sind wir ohne Pflanzenschutzmittel nicht in der Lage, in der gewünschten Qualität Lebensmittel zu produzieren.» Im Saal ist es ruhig, als Ramseier mit leiser Stimme seine persönlichen Überlegungen darlegt.

«Was bei der Initiative noch schwerwiegender ist, sind die Futtermittelimporte, die wegfallen würden. Und da haben wir ein Problem mit der Proteinversorgung. Das trifft alle, die Biobauern aber besonders.» HAFL-Vizedirektor Peter Spring ergänzt: «Wir haben das einmal nachgerechnet: Würden wir in der Schweiz Eier ohne Futtermittelimporte produzieren, könnte jeder Schweizer pro Jahr noch 25 Eier essen.» Der Fall ist damit klar: würde die Trinkwasserinitiative angenommen, gäbe es die Landwirtschaft, wie wir sie heute kennen, nicht mehr. Die Herausforderungen und Probleme im Zusammenhang mit dem Umweltschutz, darin sind sich Spring und Ramseier einig, würden einfach ins Ausland exportiert.

Etwas Provokation muss sein

Ähnlich differenziert, wenn auch etwas provokativer, präsentiert Martin Pidoux seine Fragen zum Umgang mit möglichen Grenzöffnungsszenarien. Der Agrarökonom hat früher für den Schweizer Bauernverband den Bereich Agrarwirtschaft geleitet und ist seit 2014 Dozent für Agrarpolitik und -märkte an der HAFL. Pidoux fragt, wie lange man dem Druck noch standhalten könne. Ausserdem will er den Grenzschutz und dessen Abbau nicht nur als landwirtschaftliches, sondern als gesellschaftliches Thema verstanden wissen. «Wollen wir als Gesellschaft einengen?», fragt er rhetorisch und erteilt dem Populismus um mehr Kontrollen und mehr Einschränkungen eine Abfuhr. Allerdings weiss auch Pidoux, dass es um mehr geht. Und dass unbeschränkter Freihandel auch Probleme mit sich bringen kann. Probleme, so zeigte er sich überzeugt, die man aber lösen könne.

Hausaufgaben machen

Man ist sich im Saal soweit einig, dass man Hausaufgaben zu machen hat. Aber man möchte auch selbst darüber bestimmen, wann und wie sie erledigt werden. Ganz so, wie wenn alte Freunde darüber sprechen, welches Projekt sie als nächstes angehen wollen. 

hja