«Tradition lebt nur, wenn wir sie weiterentwickeln.» Mit diesen Worten begrüsste Denise Hintermann, die Präsidentin der Schweizerischen Trachtenvereinigung (STV) das Publikum. Auf den Stühlen blickten Frau und Mann in ihren Heimatgewändern auf die Bühne. Schwarze Tellerhauben, weisse Puffärmel und farbige Mieder mit filigranen Stickereien zogen trotz des abgedunkelten Raumes die Blicke auf sich. «Die Schweiz ist bunt, vielsprachig, und doch sind wir alle miteinander verbunden.» Damit brachte die Präsidentin auf den Punkt, was im Raum zu sehen war: Heimatstolz, der verbindet und nicht trennt.

100 Jahre alt ist die Schweizerische Trachtenvereinigung und 50 Jahre ist es her, seit das letzte Schweizer Trachtenbuch veröffentlicht wurde. Aus diesem Grund prangte auf der Leinwand das Cover des neuen Schweizer Trachtenbuches. Im Publikum der Vernissage sassen einige der Models, Texter und Verleger, die ihr Werk teils zum ersten Mal sahen.

50 Jahre Standard

26 Kantone, 400 Models und 5 Jahre Arbeit stecken hinter den 311 Seiten. «Wir wollten die Trachten dort zeigen, wo sie herkommen», erzählte die Trachtenschneiderin Dunja Rutschmann. Sie gehört zu den Initiant(innen) des Buches. Deshalb bestellten sie die Trachtenträger(innen) aus den 26 Kantonen nicht einfach ins Fotostudio, sondern liessen die Koordinatorinnen der kantonalen Trachtenvereinigungen entscheiden, wo sie die eigene Tracht präsentieren möchten.

«Hinter dem Buch steckt jede Menge Koordination», erzählte die Präsidentin Denise Hintermann weiter. Dazu gehörten die Organisation der Shootings, die Texte und Übersetzungen. «Weisse oder cremeweisse Socken? Das wurde im Vorfeld in den Kantonen diskutiert», ergänzte der Journalist Christian Hug, der für die Eingabe und Korrektur der Texte verantwortlich war. «Das ist für die nächsten 50 Jahre der Standard.»

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Nach und nach zum Heimatgewand

Trachten entstanden im 18. Jahrhundert. Seit dem ersten Standard sind sie mehr oder weniger gleich geblieben. Diese Unveränderlichkeit ist Teil der Definition. Laut dem Historischen Lexikon der Schweiz sind Trachten regionale Festtagskleider, die bewusst der permanenten Veränderung entzogen sind. Trachten zeigten den sozialen Stand, Zivilstand und die Heimatregion der Trägerin oder des Trägers. Sie entwickelten sich besonders nach der Gründung des Schweizer Bundesstaates 1848 zum Zeichen heimatlicher Gesinnung und wurden dem Schweizer Heimatschutz unterstellt. Einen offiziellen Standard erhielten sie aber erst im 20. Jahrhundert.

Eine wichtige Rolle spielten Trachten während des Ersten Weltkrieges: Sie waren ein Zeichen für patriotische Aktivität und Bindeglied zwischen den einzelnen Kantonen. Trachten wurden in den 1920er-Jahren neu interpretiert und anlässlich der Eidgenössischen Landwirtschaftsausstellung in Bern 1925 in einem festlichen Umzug öffentlich gezeigt. Ein Jahr später widmete sich die Schweizer Trachtenvereinigung dem Schutz der Trachten.

Keine leichtsinnige Anschaffung

Über das Volkslied, Singen und Tanzen blieb die Tracht immer Teil der Öffentlichkeit und der regionalen Kultur. Doch auch die Handarbeit und die heimischen Materialien machen die Tracht zu etwas Besonderem. Dieser Meinung ist auch die Trachtenschneiderin Dunja Rutschmann: «Ich selbst bin nicht traditionell aufgewachsen, aber mich reizt die Handarbeit.» Und davon stecken einige Stunden in einer Nidwaldner Sonntagsbauerntracht. «Ich rechne mit einem Jahr Wartezeit, von der Bestellung bis zur fertigen Tracht», so Rutschmann.

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Dunja Rutschmann ist gelernte Damenschneiderin und übernahm vor rund 17 Jahren noch eine zusätzliche Trachtenschneiderei.

Die verarbeiteten Woll-, Seiden- und Leinenstoffe werden extern gewebt. Rutschmann näht diese anschliessend zu einer Tracht zusammen. Die Stickereien gibt sie extern in Auftrag. «Trotzdem besetzte ich in meinem Atelier eine ganze Arbeitsstelle mit dem Trachtenschneidern», erzählt sie. Die Handarbeit und die Schweizer Materialien sind wertvoll – Trachten sind eine Investition. «Je nach Wahl des Trachtenschmucks und der Stickerei beläuft sich der Preis auf 12 000 bis 18 000 Franken.» So würden Trachten auch nicht leichtsinnig bestellt. Die Damen wüssten, was sie wollten, meint die Trachtenschneiderin.

Zwischen Tradition und Moderne

Und genau deshalb seien Trachten auch modern, erklärte Johannes Schmid-Kunz, Geschäftsführer der STV, an der Vernissage in Bern. «Alle Stoffen stammen von hier und Trachten kommen nie aus der Mode. Die Unveränderlichkeit ist der Inhalt der Tracht. Das macht sie zu einem absolut nachhaltigen Kleidungsstück», sagte er. So sei die Tracht ein Antagonist zur modernen Wegwerfgesellschaft.

Nach den Reden wurde die Bühne geräumt. Weisse Socken in schwarzen Trachtenschuhen huschten über den Boden, während die schweren Trachtenröcke über die Bühne schwebten. Im Hintergrund erklang ein Freudenjutz. Am Schluss der Vernissage tanzten einige Besucher spontan miteinander. Sie alle kennen die Schritte zur Rösli-Polka. In ihren unterschiedlichen Heimatgewändern tanzten sie Hand in Hand. «Trachten verbinden und den Vereinen ist gesellschaftliches wichtig», hielt die Präsidentin Denise Hintermann fest. «Natürlich muss man als Trachtenträger(in) auch gut festen können», fügte sie augenzwinkernd hinzu.


Nachgefragt: Was bedeutet Ihnen Ihre Tracht?

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