Herr und Frau Schweizer geben jedes Jahr am Muttertag 40 bis 50 Millionen Franken für Blumensträusse aus – und das ungeachtet der aktuellen Wirtschaftslage. Das Blümchen fürs Mami spielt seit der Idee des modernen Muttertags eine wichtige Rolle.
Doch der Grund für den Muttertag liegt wie die Wurzel tiefer als die schimmernde Blüte des Konsums. Der Ursprung des Muttertags reicht in die amerikanische Frauenbewegung während und nach dem Bürgerkrieg (1861–1865) zurück. Ende des 19. Jahrhunderts bildeten sich Frauen- und insbesondere Mütterkreise, in denen sich Frauen austauschten. Mutterschaft verband über die Fronten hinweg.
Der Samen für den Muttertag wurde aber schon in der Antike gesät. In der Antike wurden Göttermütter wie Freya und Hera gefeiert. Die Ehre wurde auch den weltlichen Müttern zuteil.
Die Tochter des Muttertags
Der erste Sprössling des Muttertags war ein Gottesdienst zu Ehren aller Mütter: Ann Jarvis offerierte an einem Sonntagmorgen im Jahr 1876 einen Gottesdienst mit der Bitte, dass jemand einen Muttertag ins Leben rufe, an dem alle Mütter für ihr Engagement geehrt würden.
Ihre Tochter Anna Jarvis düngte diesen Sprössling: Am zweiten Todestag ihrer Mutter, am 2. Mai 1908, feierte sie den ersten Muttertag. 1916 erklärte ihn der US-Präsident Woodrow Wilson zum nationalen Feiertag. Mit dem Ersten Weltkrieg brachten US-Soldaten die Idee des Muttertags nach Europa und stiessen auf fruchtbaren Boden. Zuerst verbreitete sich der Muttertag in Nordeuropa. Die Journalistin Grete Trapp rief in der Schweiz 1920 zum Feiern des Muttertags auf – allerdings stiess sie zunächst auf wenig Resonanz.
In Deutschland boomte der Muttertag hingegen, obwohl er noch kein offizieller Feiertag war. Florist(innen) und Konditor(innen) profitierten vom Feiertag. Davon inspiriert schloss sich der Schweizer Floristenverband mit Frauenvereinen und dem kirchlichen Zentralkomitee zusammen. «Die Feststellung, dass Mutterschaft die Frauen verbindet, gehört seit ihren Anfängen zur Frauenbewegung. Deshalb engagierten sich auch Frauenvereine für den Muttertag», erklärt Lina Gafner, Co-Leiterin des Gosteli Archivs. Das Gosteli Archiv sammelt Archivgegenstände zur Frauengeschichte.
Lohn statt Blumen
Mutterschaft wurde im nationalsozialistischen Deutschland 1934 zum Anlass für einen nationalen Feiertag. Mütter, die viele deutsche Kinder zur Welt brachten, wurden besonders geehrt. 1930 feierten Schweizer:innen den Muttertags erstmals im ganzen Land. «In der Schweiz wurde der Muttertag eher durch ein Frauenbild der Nachkriegszeit geprägt. Wir alle kennen die Bilder der Hausfrau aus der Werbung, etwa von Betty Bossi», sagt Lina Gafner. Diese Frauenbilder veränderten sich mit der Frauenbewegung – und so auch der Muttertag. «Ende der 1950er Jahre forderten Frauen die Vase anstelle des Blumenstrausses. Gemeint war die Abstimmungsurne, weil Frauen endlich das Stimmrecht erhalten wollten anstelle von Blumen», erzählt Lina Gafner.
In den 1970er-Jahren wurde die Frauenbewegung forscher: «Ökonomische Argumente wurden wichtiger: Die Frauen wollten einen gerechten Lohn für ihre Arbeit anstelle von Blumen an einem Tag.» Gafner erklärt weiter: «Der Ursprung des Muttertags ist mit der Frauenbewegung verknüpft. Und Frauen nutzten den Tag immer wieder, um ihre Anliegen zu thematisieren.»
Der Muttertag ist eine «Allerweltsblume»
Die Blumen des Muttertags wachsen aber nicht nur in den USA und Europa, sie schossen überall aus dem Boden. So feiern Thailänder(innen) ihre Mütter am Geburtstag der Königinmutter Sikrit im August. Und Äthiopier(innen) feiern den Muttertag mit dem ersten Regentropfen zu Beginn der Regensaison im Oktober oder November.
Der Muttertag ist der kommerziell wichtigste Tag für Blumengeschäfte in der Schweiz. Doch auch in den USA geben Töchter, Söhne, Ehemänner und -frauen 23 Milliarden Dollar für Muttertagsgeschenke aus. Anna Jarvis, die Tochter der «Muttertags-Mutter» Ann Jarvis, bekämpfte ihren eigenen Feiertag bis an ihr Lebensende. Ihre ursprüngliche Idee, Mütter für ihre Leistung zu ehren, verselbstständigte sich und begann zu wuchern – und Anna Jarvis störte sich an der Kommerzialisierung des Muttertags.

