Digitalisierung und Automatisierung pflügen derzeit in rasantem Tempo die Wirtschaft um. Auch die Landwirtschaft bleibt nicht verschont. In Schweizer Ställen melken und füttern immer häufiger Roboter die Kühe. Drohnen helfen bei der Bekämpfung von Schädlingen. Spezialkameras erkennen, wann Pflanzen Dünger brauchen und Sensoren messen, wie häufig Rinder kauen.
Wie wird die Digitalisierung die Milchproduktion in Zukunft verändern? Was sind die Chancen, wo liegen die Gefahren? Diese Fragen standen im Zentrum des Milchforums, das die Schweizer Milchproduzenten (SMP) und die Genossenschaft Vereinigte Milchbauern Mitte-Ost an der "Tier&Technik" in St. Gallen veranstaltet haben.
Kopf statt Muskeln
Rosmarie Fischer-von Weissenfluh sieht in der Digitalisierung und Automatisierung eine grosse Chance. Die Landwirtin führt mit ihrem Mann Peter in Blumenstein BE einen Betrieb mit Milchkühen und Mastschweinen – verteilt auf zwei Standorte. "Wir sind arbeitstechnisch an unsere Grenzen gekommen", sagte Fischer-von Weissenfluh unumwunden. Als der Neubau eines Stalls anstand, war für die Familie Fischer-von Weissenfluh klar, voll auf Automatisierung mit Melk- und Fütterungsroboter zu setzen. "Die Arbeitsbelastung ist seither massiv zurückgegangen", schwärmte Rosmarie Fischer-von Weissenfluh am Milchforum. Sie schätzt es, nicht mehr an fixe Stallzeiten gebunden zu sein. Dank der neu gewonnenen Flexibilität könne man mit der Familie auch mal einen längeren Ausflug machen oder Termine wahrnehmen, die sie früher wegen der Melkzeiten absagen musste.
Die Automatisierung hat auf dem Bauernhof der Familie Fischer-von Weissenfluh die Arbeitsabläufe verändert und die Rolle der Betriebsleiter verändert. "Heute benötigen wir weniger Muskeln, dafür arbeiten wir mehr mit dem Kopf", betonte Rosmarie Fischer-von Weissenfluh.
Abhängigkeit nimmt zu
Christina Umstätter von der Forschungsanstalt Agroscope bestätigte dies: "Der Arbeitsplatz im Milchviehstall verschiebt sich mehr von der physischen Arbeit hin zur Betriebsführungsarbeit." Der Arbeitsort Bauernhof könne dadurch attraktiver werden, etwa für Personen, die sich bislang nicht von der Landwirtschaft angezogen fühlten.
Laut Umstätter können heute Dinge gemessen werden, die man früher nicht in Zahlen fassen konnte. Dazu gehört etwa das Fressverhalten von Kühen. Sensoren liefern Daten zur Futteraufnahme-, Wiederkau- und zum Bewegungsverhalten. Daraus lassen sich beispielsweise Rückschlüsse auf die Gesundheit der Tiere ziehen oder die Fütterung verbessern. "Nur was man messen kann, kann man auch managen und optimieren", betonte Umstätter.
Dank der Digitalisierung, erklärte die Forscherin, könnten sich ganze neue Betriebsformen bilden. Der Austausch von Maschinen könne mit virtuellen Plattformen leichter organisiert werden. Ein weiterer Anwendungsbereich ist laut Umstätter der "virtuelle Zaun", der das herkömmliche Einzäunen von Weiden erübrigt. Ein spezielles Halsband mit einem GPS-Empfänger ermöglicht es, einen unsichtbaren Zaun zu programmieren. Übertritt eine Kuh diesen, ertönt ein akustisches Signal bzw. sie erhält einen leichten elektronischen Schlag.
Nebst vielen Chancen sieht Umstätter auch einige Risiken in der Digitalisierung. Dazu zählt sie etwa der Datenschutz sowie eine grosse Abhängigkeit von Technologien und Systemen. Die Vorstellung, dass der Roboter im Stall seinen Dienst versagt, könne bei Bauern Stress verursachen, betonte Umstätter.
Gläserne Fabrik
Bei der Züger Frischkäse AG hat die Digitalisierung längst Einzug gehalten. Laut CEO Christof Züger müssten rund um die einzelnen Produkte immer mehr Daten verwaltet werden. Dies, weil für Detailhandel und die Konsumenten Transparenz und Rückverfolgbarkeit zunehmend wichtiger würden. Züger hat 700 Fertigprodukte und Handelsartikel im Sortiment, dazu kommen 2'500 Verpackungskomponenten. In der Logistik ermögliche die Digitalisierung das papierlose Kommissionieren. Für Züger wird es in Zukunft in Richtung gläserne Fabrik gehen. "Datenverfügbarkeit und Datenaustausch wird Standard", betonte Züger.
SMP-Präsident Hanspeter Kern bezeichnete den sicheren Umgang mit den Daten als eine der grossen Herausforderung der Digitalisierung. "Die Daten gehören den Bauern", stellte Kern klar. Andreas Hitz von den Milchproduzenten Mittelland befürchtet, dass die Digitalisierung die Bauern zu Computer-Experten mache, die aber immer weniger von Kühen verstünden.
Michael Wahl, lid