Bei mir gibt's aber leider weder Elefanten noch Strassen, also erlaube ich mir eine journalistische Todsünde: Ich beschreibe streng chronologisch einen ganz normalen Tag als Zivi in Äthiopien. Und der beginnt mit dem Erwachen. Ab 6 Uhr setzt die Dämmerung ein. Begleitet von Vogelgezwitscher und Affengezeter läutet die Sonne pünktlich den neuen Tag ein. Ich schlummere noch ein wenig und warte auf den Weckdienst. Dieser erfolgt ca. um 6.45 Uhr durch einen aus Alteisen gebastelten Gong.

Das Frühstück ist also bereit. Für mich: Tee, Brot (täglich frisch gebacken und sehr lecker), Erdnussbutter und Konfi. Ich überlege mir grob, was heute anstehen könnte - von der Idee einer detaillierten Planung habe ich mich längst verabschiedet. Zurück in meinen Container werden Zähne geputzt (Wasser ab Hahn vorhanden und trinkbar), ab in die Arbeitsmontur (lange Hosen sind leider auch bei 30° eine Art Pflicht) und los. Oder doch nicht: Jemand hat meinen Traktor, mit dem ich runter zur 2 km entfernten 7 ha-Mangoplantage fahren wollte, in Beschlag genommen.

Ich schaue kurz im Demogarten zu den Süsskartoffeln und bitte Demissey, mir ein weiteres Beet vorzubereiten und die normalen Kartoffeln vorzukeimen. Ein Geräusch hallt über den Wellblechzaun: Unverkennbar der alte John Deere. Ich fange den Fahrer ab und fordere "meine" Maschine ein. Der quittiert's mit einem breiten Grinsen und übergibt aber den Trekker. Mit Werkzeug und vier Hilfsarbeitern geht's runter zu den Mangos. Zweien von Ihnen soll ich das Traktorfahren beibringen, also lasse ich Adyssou zu seiner riesengrossen Freude ans Steuer und sitze auf der Seite, wo ich notfalls in die Bremse treten könnte. Das ist heute nicht nötig, wir erreichen unser Ziel sicher. Zwei Arbeiter sollen beginnen, die Mangos per Schlauch von Hand zu bewässern.

Ohne Englischkenntnisse dauert diese Mitteilung und die Instruktion eine gute halbe Stunde. Wasser Marsch! Derweilen zeige ich den beiden Neo-Traktorpiloten, wie die Leitungen wöchentlich zu kontrollieren und zu warten sind. Auf jede Erklärung meinerseits folgt ein "Yes". Zum Glück habe ich gelernt zwischen "Yes!" und "Yes.." zu unterscheiden. Das Gröbste scheint verstanden, die Aussicht auf selbstständiges Traktorfahren motiviert die beiden. Sie helfen weiter beim Wässern, während ich zum Essen zurück zum "Compound" fahre. Am Nachmittag mache ich Inventar der vorhandenen Bewässerungsteile und bestelle weitere Schläuche. Dazu spreche ich mit dem Chef zunächst 5 Minuten über seine Familie, Gott und die Welt, dann erst über die Schläuche. Kein Problem.

Die Saatkartoffeln sind schön in Kistchen verteilt, aber noch im Schatten postiert. Das wird geändert, und ich fahre wieder zu den Mangos. Zu meiner Freude sind alle auf ihrem Posten und arbeiten. Eine Schlauchkupplung ist ausgerissen, ich habe Briden und Schraubenzieher dabei. Nach einigen Übungen haben alle das Prinzip verstanden und sollten in der Lage sein, es selber anzuwenden. Ich freue mich an solchen Dingen, und sie sich auch.

Es ist heiss, eine kleine Wasserschlacht zum Schluss verschafft Abhilfe und wir fahren mit dem Johnny samt Heckschaufel zurück zum Compound - diesmal ist Ararsa der Pilot. Er steigt jeweils sehr gewissenhaft in die Eisen, wenn ich Stopp sage. Ich lasse ihn erstmals bis ganz "nach Hause", vorbei auch an den hübschen Erntehelferinnen, fahren. Wir sind eine kuriose Gemeinschaft: Es wird laut (und schön) gesungen, Ararsa fährt und strahlt stolz, auf der Heckschaufel wird getanzt und geklatscht.

Beim rückwärts Einparkieren ist noch Lenkhilfe meinerseits nötig. Das Werkzeug wird bereits ohne einen Auftrag am richtigen Ort verstaut, und zur Verabschiedung (wie auch zur Begrüssung) gibt's das übliche grosse Gruppenknuddeln mit Umarmungen auf allen Seiten. Nagaatti ooli, Frieden sei mit dir, bis Morgen. Eine kalte Dusche, dann gibt's zum Abendessen wie immer (auch zum Mittagessen) Injeera, das Nationalgericht: Sauerteig-Fladenbrot mit Randen, Kohl, Frischkäse, einer Tomaten-Bohnen-Sauce und einer grünen Chilischote. Es ist 20 Uhr, ich bin müde, lese und schreibe noch ein wenig, bevor ich kurz nach 21 Uhr eingeschlafen bin, obwohl das Bett 10 cm weniger lang ist als ich selbst. Aber es gibt nun wirklich Wichtigeres auf dieser Welt.

Sebastian Hagenbuch