Die Anicom-App ist schon in der Praxis angelangt und von 1200 Viehzüchtern und -mästern heruntergeladen worden. Ins Rampenlicht kam sie erstmals als Neuheit an der Suisse Tier 2017. Anicom schreibt dazu auf ihrer Webseite, dass die kostenlose Anicom-App den Tierhandel auf ein neues Level bringen werde. Via Knopfdruck können Tiere angemeldet oder bestellt werden, man kann die Tiergeschichte abfragen, Schlachtdaten können über eine Pushmeldung empfangen werden und neueste Preismeldungen gibt es ab Donnerstagabend.
Die Micarna will ihre eigene Viehhandels-App im ersten Quartal des laufenden Jahres aufschalten. Tierhalter und -mäster, welche diese App herunterladen, werden zu Direktlieferanten der Micarna. Sie werden den Marktpreis franko Schlachtbetrieb erhalten und alle Informationen für die Abwicklung des Geschäfts. Die Micarna zählt die Vorteile der neuen Viehhandels-App auf: Der Viehproduzent werde Direktlieferant und geniesse Abnahmepriorität. Landwirte, so verspricht die Migros-Tochter, sollen ihre Schlachttiere bis zu drei Wochen im Voraus anmelden können. Das ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil in Zeiten, wo sich das Schlachtvieh zurückstaut. Gerade Grossviehmäster wären in diesen Tagen glücklich, wenn die schlachtreifen Muni, Rinder und Ochsen fristgerecht abgeholt würden, statt dass sie im Stall ein, zwei oder drei Wochen weiter an (Über-)Gewicht zuzulegen.
Weiter verspricht Micarna eine transparente Preispolitik und nach der Lieferung jederzeit Zugriff auf die Schlachtdaten. Das sind Dienstleistungen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, leider aber (noch) nicht im gesamten Schlachtviehhandel 1:1 umgesetzt sind. Weiter sollen die Micarna-Lieferanten via ihre App Wochenpreise und Marktinformationen auf ihr Mobiltelefon erhalten.
Es sei klar, dass die Micarna-App die Zusammenarbeit mit dem Viehhandel verändern werde, hört man von Micarna. So laufe der Transport weiterhin über die Händler und man wolle kurz- und mittelfristig auch nicht sämtliche liefernden Bauern auf die neue App umstellen, heisst es beruhigend. Es ist aber klar: mit der neuen App ist Micarna näher bei den Bauern, zum Vorteil der Mäster (sie erhalten den vollen Preis franko Schlachthof) und auch die Micarna profitiert. Letztere kennt vor der Anlieferung der Tiere bereits die Details ihrer Geschichte und deren Qualität.
Neben der Micarna hat auch der Konkurrent Bell eine Viehhandels-App lanciert, wie die «Schweiz am Wochenende» unlängst berichtet hat. Klar ist, dass die Fleischverarbeiter mit den Viehhandels-Apps eine Stufe im Viehhandel einsparen und damit ihre Kosten senken wollen. Die Prognose, dass das Jahr 2018 das Jahr der Viehhandels-Apps werden wird, ist wohl nicht ganz daneben. Der Bauer wird sich stärker an den Abnehmer binden und wird dafür «gläsern» für den Abnehmer.
Aber ist das nicht schon heute der Fall? Der Viehhalter streut seine Daten schon heute viel weiter als ihm bewusst ist. Erst recht, wenn eine Firma Jungtiere und Futter liefert und regelmässig ihre «Berater» im Stall des Bauern stehen. Auch haben die Futtermittelhändler mit ihren Auswertungsprogrammen schon heute eine «smarte» Einsicht in die Betriebsdaten ihrer Mastbetriebe. Auch an Programme wie QM Schweizer Fleisch und die Labelmarken sendet der Viehhalter unzählige Betriebsdaten, nicht zu vergessen all die Daten, welche der Viehhalter an die Tierverkehrsdatenbank liefert. Schon länger liefern auch die Melkroboter Daten an die Serviceanbieter und die Lieferung der Daten an die Qualitas steht offenbar unmittelbar bevor. Zudem stehen neue Programme wie Barto vor der Tür – sie werden den Landwirten noch transparenter machen.
Das Fazit lautet, der Landwirt ist heute schon (fast) gläsern und um die Digitalisierung ist er bisher nicht herumgekommen und er wird es Zukunft noch weniger.
Für den Viehhändler, der bis hierher gelesen hat, stellt sich die Frage, ob er in Zukunft noch eine andere Aufgabe hat, als Transporteur zu sein? Ja, wenn er eine gute Arbeit und eine ehrliche Abrechnung samt den Taxierungszahlen liefert und den Bauern rasch und zuverlässig auszahlt.
Hans Rüssli