Das gezackte Sheddach sticht ins Auge. Bei einem Stallgebäude ist man sich dies nicht gewohnt – wenn schon, dann bei grossen Fabrikhallen. Solche Hallen werden und wurden mit Sheddächern gebaut, um möglichst ohne direkte Sonneneinstrahlung gute Lichtverhältnisse zu ermöglichen. Und um bei hohen Aussentemperaturen eine übermässige Erhitzung im Innern des Gebäudes zu verhindern. Solche Merkmale sind an sich auch in einem Viehstall gefragt. Und sie haben sich im neuen, 128 Meter langen Milchviehstall am Bildungs- und Forschungszentrum Agrovet-Strickhof bewährt. 

Ideales Stallklima

Dieser ist mit maximal 128 Kuh- und 40 Aufzuchtplätzen für Schweizer Verhältnisse überdurchschnittlich gross. Im Innern ist es gleichmässig hell und auch den «Hitzetest» hat der Stall, der seit Ende Februar in Etappen bezogen worden ist, in diesem zeitweise äusserst heissen Sommer mit Bravour bestanden. «Das Stallklima ist ideal. Auch an extremen Hitzetagen konnten wir auf eine zusätzliche Lüftung verzichten», sagt Matthias Schick von der Bereichsleitung Tierhaltung und Milchwirtschaft am Strickhof.

Bildung und Forschung 

Der neue Milchviehstall am Bildungs- und Forschungszentrum Agrovet-Strickhof ist Teil eines Grossprojektes, das kurz vor der Vollendung steht und am2./3. September mit einem Tag der offenen Tür der Bevölkerung vorgestellt wird. Dieser steht dann nicht nur der neue Milchviehstall zur Besichtigung offen, sondern auch das Stoffwechselzentrum mit Respirationskammern für Grossvieh, Schweine Ziegen und Schafe sowie für Geflügel und Kaninchen. Ebenfalls zum Bildungs- und Forschungszentrum gehört ein Büro- und Laborgebäude. Neben der Ausbildung angehender Tierärzte und Agronomiestudenten, neben der Aus- und Weiterbildung von Landwirten dient das Zentrum auch der Forschung. 

Gemeinsame Trägerschaft

Um dieses Projekt realisieren zu können, haben der Kanton Zürich über den Strickhof und die Vetsuisse-Fakultät der Uni Zürich sowie der Bund über das Institut für Agrarwissenschaften der ETH Zürich eine gemeinsame Trägerschaft gebildet. Zu der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Institutionen kam es unter anderem deshalb, weil deren Stallbauten alle dringend sanierungsbedürftig waren. Und statt dreimal zu sanieren oder neu zu bauen, kam es zur Realisierung des gemeinsam genutzten Stalls in Lindau.

Im Zentrum des neuen Laufstalles steht die Fütterungsachse. Auf deren einer Seite ist die sogenannte Ausbildungsherde untergebracht, die in erster Linie die Domäne der Lernenden am Strickhof ist. Die Versuchsherde auf der anderen Seite dient der Forschung von ETH und Uni Zürich und der Vorbereitung der Tiere für die wissenschaftlichen Versuche im Stoffwechselzentrum. Weil die beiden Herden verschiedenen Zwecken dienen, werden sie auch nach unterschiedlichen Kriterien zusammengestellt. 

Leistungs- und milchbetont

Wie Matthias Schick erläutert, besteht das Zuchtziel bei der aus 60 Kühen bestehenden Ausbildungsherde in leistungs- und milchbetonten Tieren, gleichmässig aufgeteilt in die Rassen Brown Swiss, Red Holstein und Holstein. Der Strickhof Lindau befinde sich mehrheitlich in einem Ackerbaugebiet, stellt Matthias Schick fest. In einem solchen Gebiet sei es angezeigt, über eine intensive Fütterung mit möglichst wenig Fläche pro Kuh einen optimalen Ertrag zu generieren.

OB-Herde als Fernziel

Die Versuchsherde soll inskünftig aus Original-Braunviehkühen bestehen. «Das ist allerdings ein Fernziel», betont Matthias Schick. Bis heute steht noch keine einzige OB-Kuh im Stall des Strickhof. Und ob die Braunvieh-Herde über Zukäufe oder über gezielten Embryotransfer gebildet werden soll, ist noch völlig offen. «Auf jeden Fall», so Schick, «wird es noch einige Zeit dauern, bis diese Herde gebildet sein wird.» Von der Leistung her würden OB-Tiere einem guten Schweizer Durchschnitt entsprechen, begründet Schick dieses Zuchtziel. Ausserdem würden sie sich als gute Raufutterverwerter hervorragend für die am Zentrum Agrovet-Strickhof geplanten Fütterungsversuche eignen. Der Abkalbe- und Galtbereich, aber auch die Bereiche für die Absonderung bestimmter Kühe und für die Kälberaufzucht sind für beide Herden dieselben. 

Roboter im Ausbildungsstall

Die Laufställe für die beiden Herden unterscheiden sich jedoch in verschiedenen Punkten beträchtlich. Im Ausbildungsstall werden die Kühe von einem Melkroboter gemolken. Um die Vorteile beziehungsweise Nachteile verschiedener Bauweisen und Entmistungsverfahren aufzuzeigen, ist in einem Teil des Laufstalls ein Festboden eingebaut, im anderen Teil ein Spaltenboden. Aus der gleichen Überlegung unterscheidet sich das Einstreumaterial in den Liegeboxen. Folgende Materialien können auf ihre Vor- und Nachteile hin verglichen werden: Sand, Kompost, Sägemehl, Kalkstrohmatratze, aus Gülle separierte Feststoffe.

Zum Versuchsstall gehören ein Abteil für zwei Stiere und zwei Behandlungsräume. Die Kühe werden in vier voneinander abgetrennten Abteilungen in Gruppen von je 14 Tiere gehalten. 
Diese Anordnung ermöglicht es, für die geplanten Versuche Vergleichsgruppen zu bilden, um auf diese Weise etwa den Effekt einer bestimmten Fütterung zu ermitteln. Jede Kuh verfügt über einen eigenen Futtertrog. Ein supermodernes Halsband mit Transpondern macht dies möglich. Auf die gleiche Weise wird ermittelt beziehungsweise dosiert, wie oft und wie viel Wasser und Kraftfutter eine Kuh zu sich nimmt. 

Versuchsstall mit Melkstand

Gemolken werden die Kühe im Versuchsstall in einem Melkstand. Es handelt sich um ein Auto-Tandem mit sieben Plätzen. Wie Schick erläutert, fiel die Wahl auf einen Melkstand, weil in einem solchen mit Blick auf geplante Versuche die Kühe gezielter und flexibler gemolken werden können. Der Melkstand ist aus Hygienegründen mit dem Apollo-System der Firma GEA ausgerüstet. Dieses System reduziert durch ein automatisiertes Dippen und die Zwischendesinfektion des Melkzeugs die Übertragung von Mastitis-Erregern auf ein Minimum und trägt damit wesentlich zur Eutergesundheit bei. Auch diese ist wichtig, um Versuchsergebnisse nicht zu verfälschen. 

Andreas Simonett ist am Strickhof, Lindau, Betriebsleiter Milchvieh. Zusammen mit zwei Kollegen ist er für den Milchviehstall und die Kälberaufzucht zuständig. Die Abläufe hätten sich eingespielt, sagt er. Doch die grossen Herausforderungen werde noch kommen. Dann nämlich, wenn in der Versuchsherde die ersten Fütterungsversuche durchgeführt werden und die Tröge einzeln mit verschiedenen Rationen gefüllt werden müssen.

Christian Weber