Dienstag. Regnerisch. Backzeit! Ein lockerer, schokoladig-nussiger Tiroler-Cake ist das Ziel. Butter, Zucker und Mehl abwiegen, Eier aufschlagen, Haselnüsse und Schokolade hacken: ein simples Unterfangen, ein einfaches Rezept – eigentlich. Beim fleissigen Bäcker Fahmi aus Äthiopien sitzen die Handgriffe noch nicht wie gewünscht. Nur schon die Tara-Funktion der Küchenwaage wirft Fragen auf. Rita Meyer als Hausherrin bleibt gelassen, erklärt alles in völliger Ruhe und steht helfend zur Seite. Nun steht das Mise en Place, die Küchenmaschine kann loslegen: Stufe eins, zwei, drei. Volle Power und fertig. Leicht reissend soll sich der Teig vom Schaber lösen. Es funktioniert. Fahmi dirigiert, die Backschüssel gekippt, konzentriert den süssen Teig in die bereitgestellte Cake-Form. Ab in den Ofen.

Viel Erfahrung vorhanden 

Bereits über reichlich Erfahrung verfügen Rita und Franz Meyer-Steinmann mit jugendlichen «Feriengästen» auf dem eigenen Bauernbetrieb in Neuenkirch LU: Rund 30 engagierten Heranwachsenden bot das Ehepaar schon zu Zeiten des Landdienstes für einige Wochen pro Jahr ein Obdach; unter dessen neuem Namen «Agriviva» (siehe Kasten) fanden weitere fünf junge Erwachsene einen Sommerjob auf dem Innerschweizer Hof. Erstmalig in diesem Jahr: Mit dem Äthiopier Fahmi hilft ein junger Mann mit Flüchtlingsstatus in Neuenkirch aus – eifrig und sehr überlegt: «Fahmi ist sehr tüchtig und will immer arbeiten», lobt Rita Meyer. 

Sommerzeit gleich Ferienzeit

15 Lenze zählt das lernwillige Backtalent aus Äthiopien. Im Moment lebt der sport- und musikbegeisterte junge Mann in der Zentralschweiz, steht dort inmitten des Schulbetriebs mit anderen Jugendlichen diverser Nationen: mit Syrern, Eritreern, Afghanen zum Beispiel. Ein äthiopisches Klassengspänli fehlt.

Sommerzeit heisst Ferienzeit, auch für Fahmi. Und so ist die Frage schnell geklärt, warum er für eine Woche in Neuenkirch weilt: «Ich liebe Arbeit und hier gibt es mehr als genug», schmunzelt Fahmi bescheiden. Er wolle nicht den ganzen Tag herumlungern und nichts tun. Darum habe er sich über Agriviva vermitteln lassen. 

Beerenlesen und viel mehr

Sehr vielseitig lassen sich die Jugendlichen auf dem Hof einsetzen, erzählen Rita und Franz Meyer: für Garten- und Pflückarbeiten, fürs Beerenlesen und Bügeln, fürs Kinderumsorgen oder eben fürs Backen. «Sie übernehmen die Arbeiten, die gerade anfallen», so Franz Meyer. Im Sommer heisse dies etwa auch Bohnen lesen; im Herbst zum Beispiel Obst aufsammeln. Auf dem Betrieb Rippertschwand gilt es auch, die Hofbetten in den Gästezimmern «Meierisli» abzuziehen und in frische Bettwäsche zu kleiden sowie Fenster zu putzen. «Für Abwechslung ist gesorgt, was uns auch ganz wichtig ist», betont Rita Meyer.

Arbeit motiviert 

In erster Linie zielt das Interesse der Familie Meyer jedoch nicht darauf, über Agriviva Jugendliche für die gängigsten Arbeiten auf den zwölf Hektaren grossen Betrieb mit 20 bis 30 Aufzuchtrindern, rund 55 Obstbäumen, Partyraum und einem 26 Aren grossen Bohnenfeld zu locken. Klar seien Rita und Franz Meyer froh, in strengen Zeiten Hilfe von ausserhalb zu erhalten. «Die Motivation für uns liegt aber in der Arbeit mit den Jugendlichen selbst», erklärt Franz Meyer. Seine Frau, gelernte Fachfrau Hauswirtschaft, ergänzt: «Die junge Generation soll Nahrungsmittel und die Natur kennen- und wertschätzen lernen.» Grundlegendste Tätigkeiten wie beispielsweise das Kartoffelrüsten seien nämlich heutzutage keineswegs selbstverständlich und allseits bekannt. «Für einige Jugendliche ist bereits ein geregelter Alltag etwas Besonderes; oder ein gemeinsames Mittagessen am Küchentisch», erzählt Franz Meyer aus seinem Erfahrungsschatz.  

Kein Selbstläufer

Summa summarum ziehen die Meyers ein überaus positives Fazit, wenn sie auf die annähernd 35 jugendlichen Ferienjobber auf ihrem Betrieb zurückschauen. Klar habe es auch ab und zu schwierige, weniger zugängliche Personen gegeben. Und ganz unverschleiert erklärt das Ehepaar, dass die jugendlichen Aufenthalte keineswegs als Selbstläufer verstanden werden dürften, sondern Erklärungen der jeweiligen Arbeiten und eine aktive Betreuung an der Tagesordnung stünden. «Unser Alltag erhält aber sehr viel Abwechslung», lachen beide. Ebenso ein ganz schönes I-Tüpfelchen, wenn die BauernZeitung nach dem bis dato schönsten Erlebnis in Zusammenhang mit dem Landdienst respektive Agriviva fragt.

Weiterhin in Kontakt

Vor einem Vierteljahrhundert war die heute 43-jährige Rosette in Neuenkirch als Hilfe im Landdienst tätig und brachte mit amüsanten Rollenspielen die Augen der fünf Meyer-Kinder zum Leuchten. «Sie wollte uns die ganze Zeit auf dem Hof niemals duzen», erinnert sich Franz Meyer zurück. «Und fünfzehn Jahre später hat sie uns umarmt. Sogar mich», sagt der Betriebsleiter mit einem Schmunzeln. «Es war unbeschreiblich berührend.» Noch heute steht die Familie Meyer mit der längst erwachsenen Frau und Mutter in Kontakt – sowohl telefonisch als auch von Angesicht zu Angesicht. Ob sich Fahmi dereinst auch wieder nach Neuenkirch begeben wird? Wer weiss. «Wir mögen gerne spontane Besuche», lacht Rita Meyer. Dann vielleicht mit einem Tiroler-Cake 2.0. Denn der erste war grossartig.

Curdin à Porta