Bisher habe ich den Durst von wissbegierigen Schweizer Landwirten nach Handfesterem nicht wirklich gestillt, korrekt. Wieso? Ich verstehe selber nicht sehr genau, warum hier was wie gemacht wird. Und ich habe ja nur einen kleinen Einblick in einer kleinen Region eines Landes, das 27 mal so gross wie die Schweiz und keineswegs homogen ist. Aber nichts desto trotz, versuchen wir's:

Der Ackerbau erfolgt oft auf kleinen Flächen und ohne Mechanisierung: Gepflügt wird mit dem Ochsen, gesät von Hand, teilweise kommen Rückenspritzen gegen das Unkraut zum Einsatz. Das Getreide "Tef" wird als Basis des Nationalgerichtes "Injeera" oft angebaut, von Hand mit Sicheln gemäht und anschliessend zu Haufen aufgeschichtet. Zum Dreschen wird das Getreide auf dem Boden ausgebreitet und von Ochsen ausgetrampelt. Vereinzelt sind kleine Zweitaktmotoren im Einsatz, welche eine stationäre Dreschmaschine antreiben. Hierhin können die Leute ihr Erntegut mit ihren Eseln bringen. Nach der Tef-Ernte (Oktober) folgt die Trockenzeit: Wer früh genug ist, kann noch Kichererbsen anbauen, welche mit der vorhandenen Restfeuchte im Boden noch wachsen können.

Ebenfalls oft anzutreffen sind Mais und Sorghum. Der Mais wird von Hand geerntet und zu überdimensionalen Garben gebündelt auf dem Feld stehen gelassen, bis er ganz trocken ist. Wichtig ist zudem der Anbau von "Berbere" (eine Art Chilischoten). Die Schoten werden von Hand geerntet und zum Trocknen auf dem Boden ausgelegt und dort bewacht, bis alles in Säcke verpackt und verkauft wird. Apropos Säcke: Die Standardeinheit sind 100 kg Säcke beim Tef oder Mais. 2 Männer (je ca. 50 kg schwer) hieven einen Sack auf den Rücken eines Dritten, der läuft mit dem Sack zum Lastwagen und stemmt in hoch. Auch Kaffee, Mangos, Zitrusfrüchte, Bananen und Papayas werden angebaut, dazu weitere Früchte, deren Name ich nicht kenne. Limitierender Faktor ist in der Regel das Wasser während der Trockenzeit, welche hier von November bis April dauert. Agroforst ist hier kein Modebegriff, sondern Alltag: Fast überall auf den Feldern sind Bäume anzutreffen.

Im Nono-Projekt, wo ich arbeite, ist dank Entwicklungshilfe eine üppige Mechanisierung vorhanden: Bohnen und Tef werden ab Schwad oder von den Haufen in den Case-Drescher gegabelt (befahren der Felder aufgrund massivsten Unebenheiten oft nicht möglich), der Mais kann in der Regel stehend gedroschen werden. Für den Umgang mit Maschinen sind die Projektmitarbeiter oftmals noch auf europäische Hilfe angewiesen.

Im Bereich der Tierhaltung sind manche Zebu- und Schafherden zu sehen, auch Ziegen werden gehalten und viele Esel sowie selten Pferde als Lasttiere eingesetzt. Bei uns verbringen die Zebus die Nacht im Stall und werden tagsüber von Hirten auf die Felder getrieben und zu Tränken gebracht. Einige Kühe werden gemolken: Ein Kalb wird zur Herde in den Stall gelassen und rennt dort gefolgt vom Melker zu seiner Mutter. Ein Gehilfe hält das Kalb vor die Kuh, der Melker melkt die Kuh von Hand - etwa 1-2 Liter pro Tag liegen drin, der Rest (nicht mehr viel...) ist dann für das Kalb. Die Milch wird gekocht und getrunken oder aber zu Frischkäse und Butter (beliebt ist ranzige Butter, auch zur Haarpflege) verarbeitet.

Die Gewinnung von Lebensmitteln ist hier ein beschwerlicher, arbeitsintensiver Weg mit für uns unbekannten Herausforderungen: Die Maisfelder müssen auch nachts bewacht werden: Affen lauern ausserhalb des Geländes auf ihre Chance. Sind die Schafe ohne Hirt, verschwindet schon einmal ein Lamm im Bauch einer Python-Schlange. Und wird das Erntegut nicht mit einer Wache versehen, verschwindet über Nacht womöglich der eine oder Sack mit Lebensmitteln spurlos...

Was soll nun ein Schweizer Landwirt hier genau helfen? Es gibt durchaus Tage, wo ich mich das auch gefragt habe. Mein Tätigkeitsfeld ist denn auch recht vielfältig: Wasserleitungen verlegen und reparieren, Strassenunterhalt, Reparaturen in der Werkstatt (v.a. Generatoren...), Aufräumarbeiten, Vermehrung von Süsskartoffelsaatgut, Belieferung der Küche mit ansonsten verfaulenden Früchten, Mais-, Bohnen- und Tefernte, Unterhalt der Traktoren, Fahrlehrer, Einstellung von Maschinen und vor allem Mithilfe bei der täglich nötigen Improvisation aufgrund mehr oder weniger Unvorhersehbarem.

Sebastian Hagenbuch