Die Weiterbildung zur Bäuerin mit Höherer Fachprüfung (HFP) hat Jolanda Kaspar herausgefordert: «Zuerst braucht es Mut, sich darauf einzulassen. Und danach eine Menge Disziplin und Durchhaltevermögen.» 

Nicht viele Bäuerinnen gehen diesen Weg: An der Diplomfeier vor einer Woche erhielten Jolanda Kaspar und Claudia Moor als einzige das Diplom. Die beiden Aargauerinnen haben die Betriebsleiterschule (BLS) am LZ Liebegg besucht und  den Bildungsgang, der eigentlich auf drei Jahre ausgelegt ist, in zwei Jahren durchgezogen.

Zwei Betriebsleiterinnen

Beide haben zuhause die Funktion als Betriebsleiterin. Jolanda Kaspar führt seit einem Jahr den elterlichen Ackerbaubetrieb in Friedlisberg AG in Pacht. Sie zählt dabei auf die Unterstützung ihrer Eltern. Auf den Traktor setzt sich die gelernte Schriftenmalerin selten, aber alles andere ist ihr Job. Zusätzlich arbeitet sie in einem 50-Prozent-Pensum als Disponentin bei einer Futtermühle. 

Bei Claudia Moor ist die Übernahme des schwiegerelterlichen Betriebs in Vordemwald  AG auf 2019 angesetzt. Ihr Ehemann ist ausgebildeter Landwirt, arbeitet aber Vollzeit auswärts. Claudia Moor,  mit Erstberuf Drogistin, betreut zusammen mit den Schwiegereltern die Acker-, Obst- und Gemüsekulturen des 17-Hektaren-Betriebs, dazu kommen Direktvermarktung und Gästebewirtung. Die Familie kann nicht von der Landwirtschaft allein leben – noch nicht. Das junge Paar baut die Gemüseproduktion auf inklusive Direktvermarktung mit dem Ziel des Vollerwerbbetriebs. Diese Ausrichtung hat sich Claudia Moor im Lauf der Betriebsleiterschule erarbeitet: «Wir setzen meine Strategie eins zu eins um.» 

Jolanda Kaspar hingegen kam im Lauf der Betriebsleiterschule zu der Erkenntnis, dass ihr Vater den Betrieb bereits optimal ausgerichtet hatte. Sie legte viele neue Ideen vor und rechnete etliche Varianten durch, von der Intensivierung des Ackerbaus bis zur Ökologisierung. «Aber das alles machte wenig Sinn. Es läuft gut, wie es ist», stellt sie fest. 

Red und Antwort stehen

Als Projekt für ihr Bäuerinnen-Diplom hat Jolanda Kaspar ein Kurs- und Dienstleistungsangebot für landwirtschaftliches Marketing erarbeitet. «Da lernst du deinen Betrieb und dich selber kennen», kommentiert sie die vergangenen zwei Ausbildungsjahre. Beide Frauen haben Kinder, stehen voll im Leben mit beruflichen und familiären Verpflichtungen. Nicht die Langeweile hat sie zur Betriebsleiterschule geführt. Aber Neugierde und Wissensdurst. «Plötzlich kannst du dir eine eigene Meinung bilden», stellt Jolanda Kaspar fest. Und Claudia Moor verweist heute nicht mehr auf ihren Mann, wenn die Landwirtschaft zum Thema wird, sondern steht selber Red und Antwort. 

Gut machbar waren für beide Frauen die Module Agrarrecht und Unternehmensformen, Volkswirtschaft und Agrarpolitik, Versicherungen, Berufsvorsorge und Steuern. Auch das Marketing lag ihnen. Aber das Modul «Wirtschaftlichkeit des Betriebs» war ein gröberer Brocken. Denn dort wurde vertieftes landwirtschaftliches Produktionswissen vorausgesetzt. Da half ihnen der Fachausweis Bäuerin wenig. 

«Landwirt und Bäuerin sind zwei verschiedene Berufe», kommentiert Jolanda Kaspar. Und der Schritt von der Bäuerinnen- zur Betriebsleiterschule sei gross. Die Berechnungen brachten die beiden oft ins Schwitzen, «ins Schwimmen sogar», präzisiert Claudia Moor. Im Betriebswirtschafts-Modul zählte die schriftliche Prüfung bereits für die Diplomnote. «Die Prüfung war anspruchsvoll. Wir mussten unter anderem die Rentabilität von Schweinezucht berechnen», erinnert sich Jolanda Kaspar, von diesem Gebiet habe sie etwa gleich viel gewusst wie die meisten Landwirte von der Zubereitung eines Mehrgangmenus für Gäste. «Fachwissen hätte natürlich viel geholfen. Aber wir hatten ja die Systematik solcher Berechnungen gelernt, da ging es schon irgendwie.» Die Männer hätten während des Unterrichts oft auch «gebissen», sich vielleicht einfach weniger anmerken lassen. Sie habe während der Ausbildung alle mit Fragen gelöchert, sich Informationen geholt bei anderen Bauern, den Eltern und Mitschülern. Und natürlich bei den Lehrpersonen. Die seien immer sehr hilfsbereit gewesen.

Im vergangenen Winterhalbjahr begannen die BLS-Absolventinnen dann parallel zum Unterricht mit der Strategieplanung und dem Businessplan, der zweiteiligen Projektarbeit für den Abschluss als diplomierte Bäuerin. Die männlichen Kollegen hatten im Lauf der Ausbildung eine Betriebsstudie erstellt, für die Bäuerinnen war das nicht vorgeschrieben. Aber wie sie feststellen mussten, fehlte ihnen diese Basis. Während die Meisterlandwirt-Kandidaten für ihren Businessplan auf vorhandene Daten und Berechnungen aufbauten, holten die Bäuerinnen dies nach. Rund 400 Stunden hat Jolanda Kaspar in ihre Diplomarbeit gesteckt. Auch Claudia Moor hat durchgearbeitet, wochenlang zu wenig geschlafen, den Haushalt auf Sparflamme geführt. Eine harte Zeit. 

Sattelfest im Fachgespräch

«Eine höhere Fachprüfung ist nie ein Spaziergang», sagt Jolanda Kaspar. Claudia Moor erinnert sich an die Erleichterung, mit der sie schliesslich ihre Arbeit abgab. Persönlich brachte sie das Dokument, in dem so viel Arbeit und Herzblut steckte, an die Liebegg. Der letzte Schritt war das Fachgespräch zur Diplomarbeit. Das empfanden beide Frauen sozusagen als Dessert. Das Expertenteam sei kritisch gewesen, habe den Finger auf heikle Punkte gelegt, «aber das war ja unser Gebiet, da konnten wir Auskunft geben», schaut Claudia Moor zurück. Seither sind die Nächte wieder etwas länger geworden und die Haushaltung findet mehr Beachtung.  Vor einer Woche durften die Frauen das Diplom in Empfang nehmen. Mehr Lohn bringt es ihnen vorderhand nicht ein – sie sehen es dennoch als  eine kostbare Errungenschaft für ihren Arbeitsalltag.

Ruth Aerni