Eigentlich hätte die Delegiertenversammlung des SBV vom Donnerstagvormittag eine grosse Feierstunde werden können. Der Abstimmungserfolg im September zur Ernährungssicherheit ist mit 78,8 Prozent Ja historisch ausgefallen, noch nie hat das Volk in einem Urnengang zur Landwirtschaft derart klar zugestimmt. "Wir haben gemeinsam Geschichte geschrieben", sagte Präsident Markus Ritter denn auch in seiner Eröffnungsrede.
"Untaugliches, widersprüchliches Papier"
Die Freude der Sieger war allerdings von eher kurzer Dauer. Schon am 1. November folgte laut Ritter der Tiefpunkt des Jahres: Die "Gesamtschau" zur Weiterentwicklung der Agrarpolitik des Bundesrats. Ritter bezeichnete sie als "untaugliches, widersprüchliches Papier, das wir schlicht und einfach zurückweisen und gegen das wir uns mit aller Kraft zur Wehr setzen".
Ungeachtet der dunkeln Wolken, zu denen Ritter neben dem renitenten Bundesrat auch die beiden Anti-Pestizidinitiativen zählt, war der SBV noch einmal einen Blick zurück auf das Erfolgserlebnis Ernährungssicherheit. Der stellvertretende Direktor Urs Schneider betonte, dass man Abstimmungen nicht in den sechs Wochen vor dem Urnengang gewinnen kann. Das triumphale Ja des Souveräns sei der Lohn für vierjährige Arbeit.
"Vater des Gegenvorschlags" kritisiert Bundesrat
Besonders gerühmt wurde der Urner Ständerat Isidor Baumann als «Vater des Gegenvorschlags». Baumann trat anschliessend ans Mikrofon. Es brauche für eine solche Erfolgsgeschichte anders als in der Viehzucht mehrere Väter. Er kritisierte seinerseits die Landesregierung und namentlich Bundesrat Schneider-Ammann.
Dieser habe unlängst zu Protokoll gegeben, dass der Bruttoselbstversorgungsgrad bei 60% liegen solle, in der Gesamtschau spreche man von 52 bis 55%, das sei Wortbruch. «In der Landwirtschaft gelten mündliche Versprechen als verbindlich, für den Bundesrat offenbar nicht», so Baumann. Ohne Gegenstimme wurde ein Manifest gutgeheissen, mit dem man den Rückenwind aus der Abstimmung nutzen will (siehe Kasten unten).
Nur wenige Votanten gegen Gesamtschau
Deutlich mehr Platz nahm aber das Sondertraktandum zur «Gesamtschau» ein. Politikexperte Francis Egger präsentierte zehn Punkte gegen das bundesrätliche Strategiepapier. Neben den bereits von Ritter erwähnten Punkten ergänzte Egger unter anderem, dass viele Aussagen subjektiv seien, dass die Finanzierung nicht garantiert ist, und dass anders als versprochen die Konsumenten nicht profitieren werden.
In der Diskussion meldeten sich lediglich drei Delegierte, um dem Vorstand Unterstützung zu geben. Die St. Galler Bäuerin Ursi Egli, die zuvor durch ein kämpferisches Referat aufgefallen war, zeigte sich etwas enttäuscht über den mageren Andrang am Mikrofon. Eine Kollegin aus dem Thurgau gab aber Entwarnung. Man habe derart viel Vertrauen in den Vorstand, dass man sich gar nicht mehr melden müsse.
Spezialkulturen-Verbände wehren sich gegen Beitragserhöhung
Einiges zu reden gab das Geld, beziehungsweise die neue Beitragsregelung. Unbestritten war die sogenannte 60:40-Regel, welche festhält. dass 60% der Beiträge über die Fläche und 40% über die Produktions-Fachverbände eingezogen werden. Deutlich mehr Widerstand gab es bezüglich den 40 Prozent.
Namentlich die Gemüse- und Obstproduzenten tun sich nach wie vor schwer mit der Versiebenfachung bzw. Versechsfachung ihres Beitrags. Dies hat damit zu tun, dass ihr Anteil am Endrohertrag gegenüber etwa der Milch stark angestiegen ist. Die entsprechende Statutenänderung wurde schliesslich aber mit hohem Mehr, gegen die Stimmen von Gemüse- und Obstproduzenten klar angenommen.
Preis für WOZ-Journalistin
Der SBV-Medienpreis geht für die Deutschschweiz an Bettina Dyttrich von der linken Wochenzeitung (WOZ) für ihren Artikel "Angeklagt: Kuh, Schaf und Geiss". Dyttrich macht seit Jahren mit kenntnisreicher und allseits kritischer Berichterstattung zur Landwirtschaft auf sich aufmerksam. Damit hebt sie sich positiv ab von vielen Kollegen in grossen Publikumsmedien, die sich der Scholle meist eher oberflächlich und nur als eine Art Strafaufgabe zu nähern scheinen.
akr