Niklaus Krebs ist Bauer und Viehzüchter. Hoch über Burgistein steht sein Hof. Aus der Küche geht der Blick durch das Fenster hinaus, in die weite Welt. Die langen Schatten der Talseite legen sich in der Abenddämmerung auf den Talboden. Das Tagwerk ist vollbracht, Familie Krebs sitzt beim Abendessen am Tisch. 

Hätte Krebs nicht als Junge mit der Schafzucht angefangen, sein Tagesablauf würde heute wohl anders aussehen. «Das Ausstellen unserer Tiere ist eine grosse Leidenschaft der ganzen Familie», sagt er. «Wenn wir nicht so angefressen wären, dann würde ich nicht jeden Morgen um halb fünf Uhr aufstehen und melken gehen. Der Milchpreis, der ist gar nicht lustig.», sagt Krebs zwischen zwei Bissen Brot. Er ist Cremo-Direktlieferant. Im vergangenen Jahr hat er gerade noch 50 Rappen pro Kilo Milch erhalten. Das schlägt auf die Moral.

Swiss Expo mit Gritli

Sieben Monate früher. Es ist Januar. Freitagabend. Fünf Uhr. Langsam legt sich die Nacht über das Messegelände der Swiss Expo in Lausanne VD. Krebs ist heuer mit nur einer Kuh  angereist. Noch weiss er nicht, dass es die erste und letzte Ausstellung ist, an der er in dieser Schausaison teilnehmen wird. Er dreht den Futterkessel um und klopft auf den Kesselboden. «Fertig. Finito!» sagt er und strahlt. «Heute ist Gritlis Happy Day», sagt er und stapft durch das tiefe Stroh zurück in den Stallgang. Gerade hat er seiner Kuh das restliche Kraftfutter über den Heuhaufen gekippt. Es sind noch zwei Stunden, bis Hänis Future Adonis Gritli und Niklaus Krebs ihren grossen Auftritt haben. Während Krebs seine Nervosität mit einem kleinen Bier bekämpft, hat er Gritli alles vorgelegt, was sie gerne hat. Es soll ihr gut gehen, kurz vor ihrem Auftritt. Richtig gut.

Eine Stunde später stehen Krebs und seine beiden Helfer Pascal und Jonas wieder um Gritli. Am Euter machen sich die drei nun zu schaffen. Pascal hält in der rechten Hand sein zur Taschenlampe umfunktioniertes iPhone und leuchtet die vier Zitzen an. Jonas hält in der linken Hand eine kleine Tube, in der rechten Hand einen weissen Plastiklöffel. Im Löffel schwimmt eine klebrige Masse. Collodium. Damit werden die vier Zitzenausgänge verklebt. Wenn Gritli gut eine Stunde später im Schauring aufläuft, soll kein Tropfen Milch das schöne Euter verlassen können. «Ich bin eigentlich nicht so Fan von dem Zeugs», sagt Niklaus Krebs. Er setzt es ein. Seine Kollegen auch. Entweder mache er etwas ganz oder gar nicht, sagt Krebs. Collodium – es ist erlaubt und gehört dazu.

Ganz oder gar nicht

Die Swiss Expo ist das alljährliche Stelldichein der Viehzuchtelite. Was als Jungzüchterveranstaltung angefangen hat, ist heute längst ein internationaler Klassiker geworden. Wer in der Viehzucht etwas auf sich hält, ist in Lausanne. Als Aussteller oder wenigstens als Zuschauer. Nirgendwo sonst werden Kühe so frenetisch gefeiert. Und kaum eine Viehschau ist in den letzten Jahren derart in die Kritik geraten, wie die Swiss Expo. Denn der Schweizer Tierschutz hat sich für die Ausstellung zu interessieren begonnen. Er kritisiert regelmässig das Styling vor der Schau und die Art und Weise, wie mit den Tieren umgegangen wird. Man streitet sich vehement darüber, ob die Anpassungsfähigkeit der Kühe überfordert wird. Nein, sagen die Viehzüchter. Ja, sagen die Tierschützer.

Krebs kennt die Kritik. Er weiss, dass er unter Beobachtung steht. Und er kann die Kritik ein wenig nachvollziehen. Aber irgendwie findet er sie überzogen.

Lieber kein Risiko eingehen

Hoch über Burgistein, auf seinem Hof wird klar, warum. Niklaus Krebs hat als kleiner Bub angefangen, Schafe zu züchten. Damals war der Tierschutz noch kein grosses Thema. Auch, als er sich mit sechzehn zur Konfirmation Geld wünschte, um sich ein Rind kaufen zu können, war der Tierschutz kein Thema. Und auch heute ist der Tierschutz eigentlich kein grosses Thema. Stattdessen ist es die Zucht. Die drei Kinder von Krebs haben alle ihre Lieblingskühe, gehen mit Kälbern und Rindern an Ausstellungen. Und normalerweise ist die ganze Familie dabei, wenn Krebs in Lausanne seine Kühe auslädt, in den provisorischen Stall führt, anbindet und auf die Schau vorbereitet. «Wir hängen an unseren Tieren», sind sich alle einig. Tiere über das Limit ihrer Fähigkeiten zu treiben, das kommt für die ganze Familie nicht in Frage. Krebs will zwar an den Schauen vorne mit dabei sein. Dazu gehört die perfekte Kuhpräsentation inklusive vollem Euter. Aber für ihn ist auch klar, wo der Spass aufhört. 

Nämlich dort, wo unerlaubte Praktiken für die perfekte Präsentation sorgen sollen. Und bei BVD. Das Virus sorgte im Frühjahr für Aufregung in der Branche. Und die BVD-Fälle verunsicherten Züchter. Auch Krebs ist verunsichert und lässt die Anmeldung für die Expo Bulle offen. Als der Kanton Freiburg dann die Expo Bulle wegen zu hohem BVD-Risiko absagt, ist für Krebs die Schausaison beendet. «Wer A sagt, muss auch B sagen», meint er. An der Berner Eliteschau ist er Zuschauer.

Nervosität vor dem Auftritt

An der Swiss Expo im Januar war das anders. Niklaus Krebs steht auf dem Vorplatz. Eben hat er Gritli im Stall losgebunden und ist die paar Meter zwischen Kuhstall und Schauring durch den frisch gefallenen Schnee gelaufen. Eine knappe Stunde dauert es noch, bis zum Auftritt. Die Nervosität, sie ist spürbar. Krebs wäre lieber, wenn sie das nicht wäre. «Die Tiere spüren, ob ich nervös bin oder nicht», sagt er. Deshalb nippt er hin und wieder an einem kleinen Bier.

Fünf Minuten später steht das Bierfläschchen im kleinen Koffer neben Haarspray, Haarlack, Farbe, Gel, Kamm, Schere und Bürste. Krebs leuchtet mit seiner Taschenlampe die Lende von Gritli aus. Dann sprüht er weisse Haarfarbe auf die weissen Kuhfellpartien.

Krebs gibt seiner Tochter Leonie einen Kuss auf die Wange, streift seine grüne Windjacke ab. Bis zu seinem Auftritt dauert es noch zwanzig Minuten, langsam kommt Bewegung in die Gruppe. Denn während die Tiere der vorhergehenden Kategorie aufgeführt werden, passiert die Gruppe von Krebs die Schaukommission. Die beiden Männer der Schaukommission beurteilen Euterdruck und den allgemeinen Eindruck der Kuh. Sie haben nichts anzumerken und lassen Krebs und Gritli zum Vorring vor. In wenigen Minuten kommt der grosse Auftritt. Es riecht nach Sägemehl, Kuhmist und Haarspray. Während auf der gegenüberliegenden Seite eine Kuh nach der anderen den Ring verlässt, werden die Tiere der Gruppe Krebs aufgeführt. Zuerst betritt die Kuh mit der Nummer 862 den Ring. Dann Krebs mit der Nummer 863.

Schritt für Schritt schreitet er mit Gritli durch das Sägemehl. So, wie er das mit der Kuh schon dutzende Male geübt hat. Der Richter beäugt sie, Krebs und die anderen. Nach und nach reiht er die Kühe auf. Gritli steht auf dem achten Platz. Krebs ist enttäuscht, hätte mehr erwartet. «Doch das Richterurteil ist zu akzeptieren», sagt Niklaus Krebs und fügt an: «Hauptsache, das Tier ist gesund.»

Nächste Schausaison

Ein halbes Jahr später steht Gritli im Stall, frisst Heu. Niklaus Krebs freut sich immer noch daran, dass mehrere Personen seine Kuh nach der Rangierung in Lausanne gerühmt haben. Manche hätten Gritli am liebsten gleich gekauft. Für Krebs und seine Familie steht aber eines schon fest: in der kommenden Schausaison wird die ganze Familie wieder die Tiere herausputzen, aufführen und rangieren lassen. Eventuell mit Gritli. «Sie wird im Oktober ihr zweites Kalb gebären. Und wenn alles gut geht, kann ich sie auch für die Swiss Expo wieder anmelden.»

Hansjürg Jäger