Es wird mir aber wohl kaum jemand abnehmen, dass in Äthiopien einfach alles rund läuft - sonst könnte man ja auch die unzähligen NGO's samt und sonders nach Hause schicken. Zu einem abgerundetem Bild gehört wohl leider auch das Negative. Oder ist es wirklich schlecht? Nicht einfach vielleicht für uns Weisse einfach unbegreiflich da so anders? Urteilen Sie selbst.
Nach Weihnachten konnte ich aufgrund politischer Unruhen und Strassenblockaden vorerst nicht mehr ins Nono-Projekt zurückkehren. Ich überbrückte die Zeit als Allrounder in der Walga-Klinik, welche 80 km vom Betrieb entfernt liegt. In dieser Zeit stellte sich heraus, dass Nono-Mitarbeiter in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Aufgrund Verstrickungen mit der Regierung ("Warada"), den Dorfältesten und Mitarbeitern sind personelle Konsequenzen schwierig zu ziehen, und es kursieren unzählige Versionen dieser Geschichte. Wo die Wahrheit begraben liegt, ist für mich fast unmöglich herauszufinden.
Es gibt Tage, die sind an Ineffizienz kaum zu überbieten:
- Das Personal ist am Morgen einfach nicht da - ach so, Zahltag, alle müssen daher extra einen Tagesauflug zur nächsten Bank machen, ohne dass mir jemand was gesagt hätte.
- Beide Traktoren sind auf dem Feld gleichzeitig ausgestiegen. Den ganzen Tag über hatte ich bei der Reparatur 14 bezahlte Zuschauer. Insofern verkraftbar, als dass der Tageslohn 70 Birr oder Fr. 2.50 beträgt.
- Man bestellt in der Hauptstadt neue Wasserleitungen mit 75 mm Durchmesser. Geliefert werden solche mit 63 mm Durchmesser. Das heisst: Eine Tagesfahrt zurück nach Addis, einen Tag lang umtauschen, einen Tag zurück.
- Neu geliefertes Material - zumeist China-Ware - muss zuerst tagelang in der Werkstatt bearbeitet werden, damit es effektiv gebraucht werden kann.
- Wenn ich von jemandem etwas will, muss ich zunächst über Gott und die Welt sprechen. Wenn er dann ja sagt, heisst das, dass - sofern ich noch dreimal das gleiche Gespräch führe vielleicht tatsächlich irgendwann etwas passiert. Vermutlich aber auch nicht.
Wer sich hier nicht vom Schweizer Leistungs- und Optimierungsdenken distanzieren kann, verzweifelt. Oft gibt es nur die Frage: Funktioniert's oder funktioniert es nicht? Ein Wort für Wartung gibt es im Amharischen nicht, nur jenes für Reparatur. Das trägt nicht gerade zur Langlebigkeit der Maschinen bei. Das Vorausdenken oder Vorsorgen scheint in dieser auf Überleben von der Hand in den Mund geprägten ländlichen Gesellschaft (noch) nicht besonders ausgeprägt.
Wir mögen über solche Geschichten selbstsicher oder gar leicht spöttisch lachen. Was aber die Gründe für dieses andere Leben sind, darüber kann ich nach meinen 3 Monaten oft nur spekulieren (Klima, Politik, Erbe des Kommunismus, Bezahlungssystem...). Ich habe aber auch gelernt, dass es gute Gründe für ein scheinbar kompliziertes Vorgehen geben kann. Auch wenn ich Obengenanntem gegenüber manchmal ohnmächtig gegenüberstand und es Tage gab, an welchen ich mein ganzes Tun hier als sinnlos und nicht nachhaltig empfand und das Gefühlt hatte, mitsamt dem Entwicklungshilfeprojekt ein von Land und Leuten abgestossener Fremdkörper zu sein, so mag ich die Menschen hier nicht dafür verurteilen. Dafür hat mir Äthiopien zu viel gegeben, und ich kehre gestärkt und bereichert zurück. Gestärkt, weil ich manch schwierige Situation überstanden hatte, lernte zu improvisieren und positiv zu bleiben. Bereichert, weil ich ein Land mit einer spannenden Geschichte und vielseitigen, lebendigen Kultur sowie umwerfend wilder Natur anfing zu verstehen und mir wieder einmal bewusst wurde, dass es möglich und für die meisten Menschen der Welt ganz alltäglich ist, ganz anders zu leben als wir Schweizer.
Zu guter Letzt schenkte mir Äthiopien auch ein Portionen Vorfreude auf das Leben, die Freunde und die Landwirtschaft in der Schweiz. Ob ich nun die Agrarpolitik oder andere Herausforderungen in Helvetien gut oder schlecht finde: Begreiflicher als das ländliche Leben in Äthiopien dürfte es trotz zwischenzeitlich kaum eingetretener "administrativer Vereinfachung" sein. Und auf das Heimatgefühl dieses Begreifens meiner Umwelt freue ich mich. Danke, Äthiopien!
Sebastian Hagenbuch