Als einziger Weisser im Umkreis von vielen Kilometern ist das durchaus verständlich, anstrengend ist es manchmal trotzdem. Roger Federer selbst würde übrigens kaum mehr Aufmerksamkeit als ich erhalten: Ihn kennt hier nämlich absolut niemand. Sonst ist das immer ein sicherer Wert: Woher kommst du? Aus der Schweiz. Grosse Augen des Gegenübers. Roger Federer? Ah ja, genau! Nicht hier. Roger wer? Egal, wir nennen dich Sesbatin, und du bist einfach ein "Farenji" (Weisser/Europäer).
Es ist schwierig zu versuchen, das Leben auf dem Lande in Äthiopien zu beschreiben - zumal ich mir bewusst bin, dass ich hier etwas abgeschirmt untergebracht bin und nur Bruchstücke des Alltags der einheimischen Bevölkerung kennengelernt habe. So möchte ich einfach ein paar lose Eindrücke schildern, aus denen Sie sich selbst ihr Bild machen können.
Es gibt weit und breit kein gemauertes Haus. Die Hütten sind mit Stroh gedeckt und mit Lehm oder Kuhmist gepflastert. Es gibt eine Schule, dank Entwicklungshilfe sogar einen Kindergarten. Die Dorfbewohner sprechen Oromo und verstehen Amharisch - beim Englisch hört es mit zählen bis 10 und "how are you..." auf. Die riesige Armut der Leute erkennt man beispielsweise daran, dass über Nacht sämtliche Strohballen, welche wir noch auf dem Feld hatten, aufgeschnitten wurden. Sabotage? Weit gefehlt, die Schnüre wurden geklaut. Die Armut ermöglicht neue Wirtschaftszweige: So kann man gegen Bares seinen Handy-Akku bei einem der beiden Generator-Besitzer des Dorfes aufladen lassen. Das Christentum ist stark verankert in Äthiopien. Die Kirche hat auch sozial eine wichtige Stellung und ist "der" Treffpunkt für die Leute. Allein im kleinen Dorf Uitate gibt es drei verschiedene Kirchen. Auf die Frage, ob der Gottesdienst lange dauert, wird eindeutig mit nein geantwortet. 3 Stunden ist die kürzeste Version, 6 Stunden die längste. Ich habe in meiner Zeit hier selten einen unfreundlichen oder schlecht gelaunten Menschen gesehen. Vieles wird aber auch überspielt, und zu sagen, das einfache Leben mache glücklich, halte ich für zu einfach. Auch jene, die ein Auto oder Smartphone besitzen verfügen über ein breites, herzliches Lachen. Die Äthiopier laufen viel, aber nicht unbedingt gerne. Wenn irgendwie möglich, wird gefahren: Ob auf einem Lastwagen, einem Eselskarren, auf der Heckschaufel oder im Getreidebeladenen Anhänger. Hier fährt grundsätzlich niemand allein, auch kein Motorrad. Dort liegt die durchschnittliche Belegung bei 3,5 Personen.
Es ist eine zweischneidige Angelegenheit, wenn mich die Leute anstrahlen und mit Segnungen überhäufen, nachdem ich sie mit dem Traktor ein Stückweit mitgenommen habe. Schön, denke ich, wenn ich eine Freude machen kann. Andererseits: Das ist ja gar nicht mein Traktor. Nicht mein Diesel. Bin ich als reicher Europäer nicht auch mitschuldig daran, dass diese Leute bereits an so winzig kleinen Dingen grosse Freude haben, weil es sonst nicht sehr viel materielle Beglückungen in ihrem Leben gibt?
Zum Glück hatte ich nie den wahnwitzigen Anspruch, in meinem Aufenthalt hier das "Problem Afrika" zu lösen. Ich versuche tagtäglich einen sehr kleinen Beitrag zu leisten, den ich folgendermassen zu messen versuche: Ist es für das Projekt hier und die Leute, mit denen ich zu tun habe, besser, dass ich hier bin? Oder wäre es allen wohler, wäre ich irgendwo an den Ufern der Reuss geblieben? Da ich nach wie vor glaube, dass nicht nur ich von meinem Dasein profitieren kann, bleibe ich. Allen Ernüchterungen und aller Fremdheit zum Trotz. Schliesslich würde die Alternative ja Militärdienst heissen, und ich habe mir sagen lassen, dass da der Sinn auch nicht tagtäglich ohne weiteres ersichtlich ist.
Sebastian Hagenbuch