Strassen machen Lärm, sind verstopft, weil alle (ausser wir selbst natürlich) zu blöd sind, den ÖV zu benutzen oder eine Fahrgemeinschaft zu bilden. Und Strassen sind dreckig: Man denke nur an die Farbe von Neuschnee bereits eine Stunde nach Ankunft auf einer befahrenen Strasse. Für Landwirte sind Strassen zudem eine Eintrittspforte für Güsel aller Couleur in ihre direkt anliegenden Felder.
Auch mir wurde bislang nicht gerade warm ums Herz, wenn ich an Strassen dachte. Hier in Äthiopien kommen zunächst sogar noch weitere Bedenken hinzu: Strassen sind effektiv lebensgefährlich: Jährlich 16'000 Verkehrstote werden ausgewiesen, und das in einem Land, wo 90 Prozent der rund 90 Millionen Einwohner kein eigenes Fahrzeug besitzen. Eine mögliche Erklärung für die hohe Unfallrate: Die Strassen haben teilweise unverhofft metertiefe Löcher (die Signalisation, falls vorhanden, wird meist über Nacht geklaut und beispielsweise als Hausdach verwendet), und sie sind dicht bevölkert - und das wortwörtlich.
In Äthiopien lebt die Strasse. Sie bietet nicht nur Autos, Lastwagen, Tuktuks und Motorrädern einen mehr oder weniger befahrbaren Untergrund, sondern auch zahllosen Eselsgespannen, Ochsenkarren und Pferdewagen. Ziegen-, Schaf- oder Zebuherden sind bis tief hinein in die Millionenmetropole Addis Abeba anzutreffen: Sie weiden das Strassenbord ab, transportieren Lasten oder nehmen ihren letzten Gang zum Schlachthof gleich selbst unter die Hufe. Aber auch die Menschen wandeln vorzugsweise auf den Verkehrsachsen: Man sieht tausende von ihnen der Strasse entlanggehen. Frauen mit Wasserkanistern auf dem Kopf, Männer mit einem einfachen Pflug für das Ochsengespann geschultert, aber auch Brennholz, Heu, Stroh, Matratzen, Marktware oder Lebensmittelvorräte werden mit blosser Muskelkraft kilometerweit geschleppt. Kinder spielen Fussball auf der Strasse oder rennen in Uniformen zur Schule. Junge Frauen, farbig eingekleidet, mit hübschen Frisuren und entwaffnendem Lachen, benutzen die Strasse als Catwalk. Auch gestorben wird auf der Strasse: Zahlreiche Hunde und Vögel, ein marderähnliches Wesen, zwei Schafe sowie als Highlight eine tote Hyäne habe ich registriert. Die Strasse ist das Zentrum des täglichen Lebens, links und rechts davon sitzen die Zuschauer, denen nichts entgeht: Vor Blechhütten, auf Mauern, in Kreiseln oder auf den bewachsenen Mittelstreifen, unter Bäumen oder neben einem Nutztier irgendwo mitten in der Pampa sind sie postiert. Man schaut, wer vorbeifährt, winkt, lacht, döst weiter. Das Leben spielt sich auf der Strasse und im Freien ab, so scheint es mir: Dort passiert zwar auch nicht sehr viel, aber immer noch deutlich mehr als in den einfachen Behausungen. Meine Theorie: Wer zu Hause nicht alles selber hat, den zieht es eher nach draussen.
Ich möchte keineswegs ein romantisches Strassenbild vermitteln. Die Strassen sind gefährlich, die Schlaglöcher immens, die asphaltierten Abschnitte werden ausserhalb von Addis Abeba immer seltener, der aufgewirbelte Staub ist unangenehm, und während der Regenzeit (4 Monate) sind viele Abschnitte absolut unbefahrbar. Für mich sind die spärlichen Fahrten auf den äthiopischen Strassen jedoch ein grosses Abenteuer: Während Driver Tamru das Fahrzeug mit grossem Geschick sicher ans Ziel bringt, kann ich Land und Leute bestaunen. Je nach Tagesform, Licht und Laune erscheint mir Gleiches ganz anders. Empfand ich diese Lehmhütten mit den Strohdächern bei der ersten Betrachtung noch als armselige Behausung, erscheinen Sie mir heute als wunderschön in die äthiopische Landschaft eingebettetes Idyll.
Eine Strasse steht für mich seit meinem Aufenthalt hier immer auch für Zivilisation. Für die Möglichkeit, in eine Stadt gelangen zu können. Eine Stadt, wo es Strom, ja sogar Internet und Telefonnetz gibt. Wo man sich mit jemandem auf Englisch unterhalten, wo ich Geld abheben und notfalls sogar einen Flug zurück in die heile Schweizer Welt buchen kann. Nicht, dass ich das jetzt wollte. Aber zu wissen, dass es diese Möglichkeit gibt, beruhigt mich zugegebenermassen. Das ist wohl nur schwer vorstellbar, wenn man diesen Blog in einem Schweizer Büro liest. Mir aber hilft dieses Wissen, mich voll auf meine Aufgaben im Nono, wo obige Dinge rar oder inexistent sind, zu konzentrieren.
Sebastian Hagenbuch