Die Farm von Ursula Vansickle ist 48 Kilometer von der nächsten Stadt, Fort St. John in Britisch Columbia, entfernt. Dazwischen liegen verstreut einzelne Farmen und grosse Getreidefelder sowie Weideland mit Mutterkühen. Das Land der Farm ist verpachtet. Ursula Vansickles Mann, Jim Vansickle, arbeitet im Ölgeschäft. Da verdient er in ein paar Monaten, was er vorher im ganzen Jahr auf der Farm erwirtschaftete. «Jim ist viel fort», sagt sie. «Nachts alleine zu sein, das habe ich nicht so gerne. Diesen Sommer arbeitete er auf der Farm seines Chefs und kam jeden Abend nach Hause.» Ihr Gesicht strahlt. «Ich konnte einen Korb füllen und mit ihm auf dem Feld zu Mittag essen, das habe ich genossen.» 

Aufgewachsen ist Ursula Vansickle auf einem Bauernhof in Niedermuhlern bei Längenberg BE. Mit 21 Jahren wanderte die Pferdepflegerin nach Kanada aus. Dort lernte sie auf einer Farm ihren ersten Mann kennen. Dieser Ehe entstammen ihre 24-jährige Tochter Denise und der 21-jähriger Sohn Andreas. Seit 2010 ist sie mit dem Kanadier Jim Vansickle verheiratet. 

Hilfe aus der ganzen Welt

Im Sommer fühlt sich die 47-jährige Ursula Vansickle nicht einsam. Der grosse Gemüsegarten, die langen Reihen Himbeeren und Saskatoon (eine Art Felsenbirne) und die ausladenden 
Blumenbeete füllen ihre Tage aus. Hilfe kriegt sie jeweils über die Vermittlungsstelle «Help Exchange». Für Kost und Logis arbeiten Frauen, die auf Reisen sind, 25 Stunden pro Woche, während einer Periode von zwei bis drei Wochen. «Ich hatte schon Leute aus Japan, Frankreich und England», erzählt Vansickle. «Diese Leute bringen dir etwas mit, ihre Kultur beispielsweise. Ich nehme oft eine Schweizerin, damit ich wieder Schweizerdeutsch sprechen kann!» 

Beim Hühnerhof mit dem bunten Federvieh nimmt Ursula Vansickle behutsam ein schwarzes Huhn auf. «Es ist halb blind.» Die 50 Hühner, die unter den Pappeln scharren, liefern Eier für den Verkauf und auch Fleisch. Das Schlachten der Hühner sowie von 30 Mastkaninchen gehört zu den Aufgaben der Kleinbäuerin. «Die Tiere halte ich, damit wir zu 
essen haben. Ich danke jedem Tier, das es sein Leben für mich gibt.» Sie führt zum Wäldchen, wo zwischen Wildrosensträuchern verstreut beschriftete Steine liegen. Familientiere wie das Meerschweinchen Mimmsy und das Häschen Bellatrix fanden hier ihre letze Ruhe. 

Notfalls auf Bären schiessen

Jim Vansickle möchte, dass seine Frau mit dem Gewehr umzugehen lernt. So kann sie nötigenfalls auf einen Bär schiessen. «Die Waldbrände im letzten Sommer brachten die Bären durcheinander», erklärt die Selbstversorgerin. «Zwei-, dreimal waren sie bei uns auf dem Hofplatz. Jim fragte: ‹Was machst du, wenn ich nicht da bin?›» Sie lacht. «Ich würde nicht mal treffen! Ich kann mich aber auf den Hund verlassen. Er gibt an, wenn es ein Bär ist.»

Montag ist Stadttag für Ursula Vansickle. Da geht sie auf Eiertour und mit einer langen Liste einkaufen. Nicht umsonst sind die kanadischen Kühlschränke so gross. Acht Liter Milch wollen da zum Beispiel reingepackt werden. Früchte, Gemüse und Fleisch hingegen kommen fast ausschliesslich vom eigenen Garten und ihren Tieren. Sie führt ins Schlafzimmer. Sie zeigt stolz die Einmachgläser auf vollen Regalen in den Einbaukästen – ein Keller fehlt. Kirschen, Fruchtsäfte, Randen und Tomatensalsa, Pfirsiche und gelbe Tomaten Chutneys sowie Essiggurken. Der Winter kann kommen. 

Harter Winter

Der lange Winter hat es aber in sich. «Da fällt mir manchmal das Dach auf den Kopf», räumt Ursula Vansickle ein. «Letztes Mal habe ich den ganzen Winter Puzzle gemacht. Diesmal will ich nähen.» Im Sommer nahm sie zwei Kleidergrössen ab. Die Bluejeans sitzen gut. «Der Winter ist ein Fluch, da nimmst du wieder zu, weil du immer drinnen hockst.» Zum Glück sind noch die Tiere zu versorgen und Tochter Jamie. «Ich gehe mit ihr im Schlitten die Strasse auf und ab, eine Meile ist es jeweils.» 

«Im März ist es schon wieder besser, dann bin ich am Planen. Ich kann nicht warten, bis ich die Tomaten pflanzen kann.» Die blauen Augen leuchten: «Ich ziehe fast alle Setzlinge selber an. Die Stube sieht dann wie ein Gartenhaus aus. Ein Gestell füllt das ganze Fenster aus.» 

Ursula Vansickle überdenkt ihr Leben. «Ich möchte es nicht ändern. Ich habe alles, was ich mir wünschte. Ja, manchmal ist das Geld etwas knapp.» Eine kurze Pause. «Aber ich bin glücklich.»

Marianne Stamm

Dieser Artikel ist aus der BauernZeitung Printausgabe vom 1. Dezember: Lernen Sie die BauernZeitung jetzt 4 Wochen kostenlos kennen und gewinnen Sie einen Reisegutschein im Wert von 3000 CHF