Der Wolf hat im Emmental seine Spuren hinterlassen. Seit letzter Woche steht fest, es war ein Wolf, der in Schangnau Schafe und Ziegen gerissen hat. Dabei stünden ihm eigentlich zuhauf Hirsche und Rehe zur Verfügung. Schliesslich sind diese in der Region, wie vielerorts im Kanton Bern, mittlerweile zur regelrechten Plage geworden. Aber kleine Nutztiere scheinen leichtere Beute.
Bei Hadorns zu Besuch
Zu den Besitzern der getöteten Tiere gehört auch die Familie Hadorn, Schangnau. Daniel Hadorn erzählt vom Anblick, der sich ihnen an jenem Morgen bot, als der Wolf ihre Weide heimgesucht hatte. «Der Verlust eines Tieres ist sicher schlimm. Viel schlimmer ist aber zu sehen, was der Wolf mit diesen Tieren macht. Er jagt sie, bis sie vor Erschöpfung aufgeben und frisst sie dann, ohne zu töten, bei lebendigem Leib an», erklärt er.
Für die Bevölkerung von Schangnau scheint klar, sie will nicht mit solchen Bildern leben lernen. Man ist dort die Natur gewohnt, kennt auch deren
derbe Seite. Aber Wolf und Bär sind nicht erwünscht. Auch die Hirsche nicht, die den Bauern das Futter an gewissen Stellen knapp werden lassen. Daniel Hadorn sagt nicht viel bei der Frage, was er zu tun gedenkt, um seine Tiere künftig vor Raubtieren wie Wolf oder Bär zu schützen. «Man hofft einfach, dass er nicht mehr wiederkommt, vielmehr können wir nicht tun.»
Sein Vater, Daniel Hadorn senior, ist der älteste Bewohner des Dorfes. «In den bald 100 Jahren, in denen mein Vater hier ist, kann er sich nicht an Wölfe im Gebiet erinnern», so Daniel Hadorn. Es sei der erste, den der alte Mann hautnah miterlebt.
Wird der Wolf nun jagdbar?
Diversen Medien war jüngst zu entnehmen, dass der Wolf nicht mehr streng schützenswert, sondern nur noch schützenswert sein soll. Was das heisst, erklärt Martin Baumann vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) auf Anfrage der BauernZeitung. «Der Wolf ist im eidgenössischen Jagdrecht immer noch geschützt», so Baumann. Es sei das eidgenössische Parlament, das den Schutzstatus der Wildtiere (jagdbar oder geschützt) bestimmt. «Bislang hat das Parlament noch keinem Vorstoss zur Jagdbarerklärung des Wolfes stattgegeben. Die Berner Konvention listet den Wolf als streng geschützte Art auf (Anhang II der Konvention)», so Baumann. Der Bundesrat werde bis Mitte des nächsten Jahres beim ständigen Ausschuss der Berner Konvention einen Antrag stellen, damit der Wolf vom Anhang II (streng geschützt) in Anhang III (geschützt) verschoben wird. «Damit würde für das Parlament die Möglichkeit geschaffen, dass der Wolf in Zukunft zur jagdbaren Tierart erklärt werden könnte», erklärt man beim Bafu. Noch immer sei im Parlament eine Standesinitiative des Kantons Wallis hängig («Wolf. Fertig lustig») die bereits zum jetzigen Zeitpunkt die Jagdbarerklärung des Wolfes verlangt. «Der Ständerat wird sich in dieser Herbstsession ein letztes Mal damit befassen. Wenn er diesem Vorstoss stattgeben sollte, dann müsste die Berner Konvention gekündigt und im eidgenössischen Jagdgesetz die Jagdbarmachung vorgeschlagen werden. Der entsprechende Entwurf des Jagdgesetzes würde dem fakultativen Referendum unterstehen, das heisst, es könnte eine Volksabstimmung zum Gesetz geben.
45 Wölfe, oder doch mehr?
Der Wolf hat in der Schweiz keine natürlichen Feinde. Fachleute glauben aber, stünde er auf der Liste der Jagdtiere, würde er die Nähe zum Menschen und seinen Nutztieren meiden, weil er ihn als Feind wahrnimmt. Vorerst ist dem aber nicht so. Das Bafu geht auf Anfrage davon aus, dass in der Schweiz rund 45 Wölfe leben. Bekannt sind zudem zwei Rudel, eines im Kanton Graubünden, das andere im Tessin. Wie der BauernZeitung zugetragen wurde, werden aber auch Stimmen von Fachpersonen laut, die von der vierfachen Menge des vom Bafu angegebenen Bestandes ausgehen. Das wären dann 200 Wölfe.
Hirsche statt Nutztiere
Im Schangnau war ein einziger zu Besuch. Würde er sich, wie das Calanda-Rudel in Graubünden, in erster Linie nahrungstechnisch bei den Hirschen
bedienen, wäre der Wolf im Emmental, wie auch im Berner Oberland, sicherlich eher willkommen. Denn natürliche Feinde fehlen auch bei den Hirschen, was sich in dessen explosionsartiger Vermehrung niederschlägt. Der Jungwaldverbiss, der Grasverlust aber auch das Verkoten der Wiesen und Weiden stellen die Landwirte vor grosse Herausforderungen.
«Wofür brauchen wir den Wolf?», fragt Daniel Hadorn in seiner Situation wohl berechtigt. Man habe während Jahrhunderten die hofeigenen Tiere geschützt, weil man auf sie angewiesen war. «Und heute?», fragt er.
Simone Barth