Für einmal waren nicht die Landwirte unter Beschuss in der Gewässerschutzdiskussion. Die Fetzen flogen im Schlusspodium der Tagung «Landwirtschaft und Gewässer» zwischen Politik und Wissenschaft – und betraf die Zulassungen der Pestizide.
Ärmel hochgekrempelt
Am Wasserforschungs-Institut der ETH in Dübendorf sind am Dienstag die aktuellsten Erkenntnisse zur Qualität der Schweizer Gewässer vorgestellt worden. Fazit: Die kantonalen Revitalisierungsprogramme der grossen Flüsse und die Modernisierung von Kläranlagen sind Schritte in die richtige Richtung. Ebenfalls, dass der Bundesrat am Mittwoch den Aktionsplan für Pflanzenschutzmittel verabschiedet hat, und damit vielen Massnahmen zur Risikoreduktion den Weg ebnete.
Und doch sind der Eintrag von toxischen Wirkstoffen in die Gewässer und der Rückgang der Artenvielfalt noch zu gross, um Entwarnung zu geben. Die Ärmel sind also hochgekrempelt, aber es gibt noch viel zu tun.
Erholung für Organismen
75 Prozent der Gesamtstrecke an Gewässern in der Schweiz besteht aus kleinen Fliessgewässen. Dafür, dass der grosse Anteil also aus Bächen besteht, sei die Aufmerksamkeit ihnen gegenüber viel zu gering. So eröffnete Umweltchemiker Heinz Singer seinen Beitrag über eine gross angelegte Studie von fünf Bächen in der Schweiz.
Über ein ganzes Jahr hinweg wurden Proben genommen und dabei 128 Pflanzenschutz-Wirkstoffe festgestellt. 60 bis 100 Wirkstoffe an jedem Standort. Am Eschelisbach im Thurgau waren es 89 Wirkstoffe. Und nun die gute Nachricht: Nur sieben der 89 Wirkstoffe zeigten eine Überschreitung der Qualitätskriterien. Die schlechte Nachricht folgt sogleich: Die Belastung war nahezu dauerhaft über das Jahr hinweg. «Gewisse Organismen können chronisch geschädigt werden durch die anhaltend hohen Konzentrationen und Stoffgemische, die in den Bächen auftreten», gab Heinz Singer zu bedenken.
Direktzahlungen für Tümpel?
Bis zu 90 Prozent der Tümpel und Teiche seien im Zuge der Intensivierung der Landwirtschaft verschwunden, sagt Biologe Beat Oertlich von der Fachhochschule Westschweiz in Genf. Das sei ein nicht nur ein riesiger Verlust für die Artenvielfalt, sondern auch für andere Ökosystemleistungen, wie die Wasserreinigung. Explizit erwähnte Oertli eine europäische Studie, die Erstaunliches hervorbrachte. Durch Weiher kann eine Pestizidretention von bis zu 70 Prozent erfolgen. Warum also neben Bauerngärten, Stein- und Asthaufen nicht auch für angelegte Tümpel und Weiher Direktzahlungen sprechen? Diese Frage stammte übrigens aus dem Publikum.
Grundwasser speichert
Drainagen, die die Bewirtschaftung vieler Flächen erst ermöglichte, haben zusammen mit den Pflanzenschutzmitteln nach dem Zweiten Weltkrieg eine Vervielfachung der Nahrungsmittelproduktion bewirkt. Die Drainagen sind es aber auch, die den Weg der Wirkstoffe ins Grundwasser beschleunigen. Dieser Faktor ist bisher bei der Zulassung der Mittel, beziehungsweise bei den Tests der Umwelteinwirkung von den Mitteln, zu wenig ins Gewicht gefallen. Das Grundwasser ist zwar weniger belastet als die Oberflächengewässer. Allerdings ist kaum abschätzbar, wie lange die Fremdstoffe im Grundwasser bleiben. So kann Thomas Hofstetter von der Universität Neuenburg heute noch Stoffe im Grundwasser nachweisen, die gar nicht mehr genutzt werden.
Entscheid über Zulassung
«Die Zulassungspraxis muss geändert werden», sagt Christian Leu vom Bundesamt für Umwelt in seinem Referat. Er hat bei der Erstellung des Nationalen Aktionsplan Pflanzenschutzmittel mitgearbeitet.
Zur Risikominimierung sei es wichtig, dass die Mittel, die in der Schweiz zugelassen sind, strengere Auflagen zur Reduktion der Abschwemmung haben und auch die Einträge via Drainagen in der Zulassung besser berücksichtigt würden.
Ungehaltener Forscher
Nun aber zum nicht sehr freundlichen Austausch zwischen dem Leiter der Forschungsgruppe Wasserqualität, Christian Stamm, und der stellvertretenden Direktorin des BLW, Eva Reinhard. Ausschlag für das Wortgefecht gab eine kritische Frage eines Tagungsteilnehmers. Er fragte nach der Verlässlichkeit des Zulassungsverfahrens der Pflanzenschutzmittel.
Eva Reinhard setzte gerade an: «Alle in der Schweiz zugelassenen Mittel sind zur Anwendung geei…» «Es sind Mittel auf dem Markt, deren Auswirkungen das Gewässerschutzgesetz brechen!» unterbrach Eawag-Forscher Christian Stamm. Und wurde leicht aufbrausend. Eva Reinhard enthielt sich nach einem weiteren Hin und Her eines abschliessenden Kommentars.
Nadine Baumgartner