Die Melkmaschine zischt und brummt. Die Kuh tritt auf der Stelle. Doch Lucia Weingartner beruhigt sie, spricht ihr gut zu und hängt dann die Zitzenbecher an das Euter. Im blauen Mantel, die krausen Haare offen, steht die 21-Jährige im Melkstand. «Ich arbeite gerne mit den Kühen. Das hat etwas Beruhigendes», sagt sie. An den Wochenenden hilft sie daher, wann immer möglich, ihrem Vater Toni Weingartner im Stall. Unter der Woche gehören die Gummistiefel jedoch nicht zu ihrem Arbeitstenue. Unter der Woche wohnt sie auch nicht auf dem elterlichen Betrieb in Nottwil LU, sondern in einer WG in Zürich. Weingartner studiert dort an der ETH im zweiten Jahr Agrarwissenschaften.
Praxis fehlt manchmal
Vor dem Melken, am Nachmittag, sitzt Lucia Weingartner in der Bauernstube und erzählt. Dabei beginnen ihre braunen Augen zu leuchten, sobald es um die Landwirtschaft geht. Anfangs noch etwas zurückhaltend, kommt sie richtig in Fahrt und redet mit spürbarer Begeisterung. Themen wie Fruchtfolge oder Schädlingsbekämpfung hatten sie jedoch nicht immer interessiert: «Die Landwirtschaftslehre kam für mich nicht infrage. Zu dem Zeitpunkt genoss ich es, am Gymnasium in Sursee LU in einer anderen Umgebung neue Menschen und neue Dinge kennenzulernen», erzählt sie.
Als Maturaarbeit gestaltete Weingartner ein Gesellschaftsspiel, das den Lebensmittelkonsum thematisiert. Dabei entdeckte sie ihr Interesse für deren Produktion. Sie wollte mehr darüber lernen. Lebensmittel seien schliesslich etwas, das jeder Mensch brauche, sagt sie und meint: «Landwirtschaft ist zukunftsorientiert und bodenständig. Beides war mir bei der Studienwahl wichtig.» Bis heute ist sie mit ihrer Wahl zufrieden. «Die Herangehensweise an die Landwirtschaft ist an der ETH anders als bei uns zuhause. Das ist interessant und lehrreich», sagt Weingartner. Sie geniesst es regelrecht, neue Methoden kennenzulernen und zu sehen, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, in der Landwirtschaft tätig zu sein.
Im Moment nimmt sie das Studium völlig in Anspruch. Sie ist jeden Tag von morgens um 8 Uhr bis abends um 17 Uhr an der Uni. Danach lernt sie oft, entweder zuhause in der WG oder an der Uni mit Kollegen. «Das ist anstrengend, weil ich mich den ganzen Tag konzentrieren muss. Und manchmal ist es etwas eintönig, weil wir immer nur drinnen sitzen», erzählt die Studentin. Manchmal fehle ihr die Praxis ein bisschen, gibt sie zu. «Ich bin gerne draussen und arbeite mit meinen Händen. Ich möchte beispielsweise direkt am Tier sehen, an welcher Krankheit es leidet, statt auf den Vorlesungsfolien.» Sie freut sich daher bereits auf das obligatorische Bauernhofpraktikum, das für sie definitiv kein Muss ist. Bis dahin holt sie sich ihren praktischen Input zuhause und fragt auch gerne einmal ihren Vater um Rat.
Hofübernahme denkbar
Neben der Milchviehherde ist die Obstplantage das zweite grosse Standbein der Familie Weingartner. Die Tochter hilft neben dem Melken auch gerne Kirschen pflücken oder bei anderen Erntearbeiten. Das sei für sie ein schöner Ausgleich zur Kopfarbeit an der ETH. Umgekehrt gelte das aber auch, betont sie. Die theoretischen Grundlagen seien bereichernd. Und: «Durch das Studium treffe ich auf Menschen, die kritisch denken. Bisher in erster Linie emotional mit der Landwirtschaft verbunden, lerne ich durch sie andere Blickwinkel kennen. So beurteile ich mittlerweile gewisse Themen objektiver», erklärt die Studentin.
Studiert sie denn, um später den Hof übernehmen zu können? Lucia Weingartner wehrt ab: «Ich hatte nie das Gefühl, den Betrieb einmal weiterführen zu müssen.» Sie habe selbst gar nie daran gedacht. Erst im Laufe des ersten Studienjahrs begann sie, mit dem Gedanken zu spielen. «Ich freue mich jedes Wochenende, wenn ich aus der Stadt wieder aufs Land kann. Ich merkte, wie gerne ich hier wohne. Und ich fände es extrem schade, wenn der Hof aus der Familie ginge», sagt sie. Aus diesen und vielen weiteren Gründen denkt sie an eine Übernahme des Betriebs von ihren Eltern, eventuell zusammen mit ihrem jüngeren Bruder. Daneben könnte sie ja als Beraterin arbeiten. Oder angewandte Forschung auf dem Hof betreiben, denkt sie laut nach. Abgesprochen oder organisiert ist jedoch noch nichts: «Es eilt nicht besonders. Meine Eltern werden hoffentlich den Betrieb noch mehrere Jahre führen können», sagt Weingartner.
Freiheiten und Spontanität
Bis es vielleicht einmal soweit ist, geniesst sie das Studentenleben, die Freiheiten, die damit verbunden sind, und die Möglichkeit, spontan zu sein. So reiste sie beispielsweise kurzfristig nach Belgien, um sich mit anderen Agrarstudenten auszutauschen. Weingartner ist nämlich Mitglied des IAAS, einer internationalen Organisation der agrarnahen Studiengänge. «Das hat zwar auch mit dem Studium zu tun. Aber das läuft für mich unter Freizeit», erklärt sie und lacht.
In Nottwil engagiert sich die junge Frau zudem in der Jungwacht Blauring, die Jugendlichen ein Freizeitangebot bietet. Wenn sie neben alledem noch
etwas Zeit für sich hat, singt und zeichnet sie gerne, erwähnt sie beiläufig. «Ja, manchmal ist es schwierig, alles unter einen Hut zu bringen. Aber es lohnt sich.» Und so wird sie auch in Zukunft hin- und herpendeln. Zwischen Zürich und Nottwil, Stadt und Land, ETH und Bauernhof, Gummistiefeln und Schultasche.
Deborah Rentsch
Dieser Artikel ist aus der Printausgabe vom 3. November - Lernen Sie die BauernZeitung jetzt 4 Wochen kostenlos kennen und gewinnen Sie einen Reisegutschein im Wert von 3000 CHF