Mit Schwung legt Ernest Schlaefli aus Posieux FR das Reglement des Zuchtstiermarkts Bulle auf den Tisch. Jetzt ist er zufrieden, so ist es für ihn in Ordnung. Schlaefli ist einer, der wirtschaftlich denkt. Einer, der die Kuhställe der Schweiz kennt. Und er weiss, die Viehzucht ist bei vielen Milchbauern zur Nebensache geworden. Zu teuer, zu zeitaufwendig. 40 Jahre war er in der Stierenschaukommission Bulle, hat den Anlass geprägt, ihm ein charismatisches Gesicht gegeben. Noch heute zieht er im Hintergrund viele Fäden. Kaum einer kennt das Business wie er. Als einer der grössten Stierenhalter der Schweiz hat er den Wandel der Zeit miterlebt und mitgemacht.
In den Ställen wird gespart
Ernest Schlaefli geht es um die Red Holstein. «Wer einen guten Red-Holstein-Stier sucht, der kommt nach Bulle. Hier sind rund 70 Prozent der angebotenen Stiere aus dieser Sektion. Hier ist das Zuchtgebiet der starken Roten», so Schlaefli. Doch sie haben einen schweren Stand. Am Munimarkt werden sie mit den «Schwarzen» an die Latte gebunden. Das geht für Schlaefli nicht. Einerseits wollte sie Swissherdbook punktieren wie die Swiss Fleckvieh und Simmental, andererseits mit den Schwarzen vergleichen, die nur eingestellt wurden. Dass dann noch Richter in weissen Mänteln aufmarschierten, war letztes Jahr für die Freiburger zu viel der Autorität von oben. Der Zuchtstiermarkt Bulle sei ein traditioneller Anlass. Nie habe dort ein Richter ein weisses Mänteli getragen. Und der Anlass sei aus den Reihen der Züchter entstanden und über die Jahre gewachsen. Sponsoren sorgen dafür, dass Züchter und Käufer nicht nur wegen des Munihandels nach Bulle kommen. Wer genau die Änderung des Reglements beschlossen habe, das wisse ja der Züchter gar nicht. Weder über die Änderung der Herdebuchanerkennung für Stiere noch über das Rückgängigmachen hat die Delegiertenversammlung entschieden. Und draussen in den Ställen stehen die Zeichen nun einmal auf Sparen. Bei Zeit und Geld.
Schweizer Muni gleichstellen
Nach dem Eklat vom letzten Jahr ist Swissherdbook zurückgerudert. Damals hat man die Red Holstein punktiert. Gegen den Widerstand der Züchter. Und nachdem die weissen Mänteli und ein Teil der Richter vom Schauplatz entfernt worden waren. Die Roten müssen in diesem Jahr, wie in all den Jahren zuvor, nicht mehr punktiert werden. Sie werden wiederum nur eingestellt und bekommen den «H» oder eben nicht. Wer einen «H» hat, kann herdebuchberechtigte Nachkommen zeugen während eineinhalb Jahren. «Die Punktierung eines Stiers interessiert beim Handel niemanden», weiss Schlaefli. «Man will wissen, ob die Nachkommen viel und gute Milch geben werden», so der Munihändler. Ob der Muni dabei etwas «bärentatzig» im Laufstall nach einer stierigen Kuh suche, das interessiere im heutigen Umfeld keinen. Und mit zwei Jahren, wenn der Stier dann für eine weitere Herdenbuchzulassung punktiert werden müsste, seien die meisten Muni sowieso schon tot. Schlaefli fragt sich, ob eine Punktierung ab elf Monaten Auskunft geben könne, wie der Stier dann ausgewachsen einmal dastehen wird. Insbesondere da die meisten Stiere gar nie auswachsen und dies demzufolge nie überprüft werden kann.
«Ich will nicht, dass der einheimische Stier gegenüber dem importierten benachteiligt wird», so Schlaefli. «Bei einem importierten Red-Holstein-Stier fragt niemand nach einer Punktierung.» Für die KB-Organisationen ist es finanziell bereits heute deutlich interessanter, importiertes Red-Holstein-Sperma zu übertragen denn einheimisches. Da sollten den einheimischen Stieren nicht noch weitere (Punktierungs)-Steine in den Weg gelegt werden. Schlaefli legt einen Abstammungsschein auf den Tisch. Darauf sind rote Stiere mit und rote Stiere ohne Punktierung aufgeführt. Und er fragt sich, warum man für einheimische Stiere nicht gleiches Recht gelten lassen sollte wie für die importierten.
Punkte sind nicht wichtig
Da bei den Milchproduzenten das Geld nicht mehr locker sitzt, zählt jeder Franken. Als Händler verkaufe er einen Stier nicht entsprechend teurer, wenn er punktiert sei. Jedenfalls bei den Red Holstein. Bei Simmental und Swiss Fleckvieh sei dies anders, gibt Schlaefli zu, dort gehöre die Punktierung aufs Blatt.
Auch bei den Besamungen wird gespart. Darum setzen viele einen Muni in der Herde ein. Damit sparen sie nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Und jetzt, weil die Schlachtkühe teuer und Nutztiere billig sind, lohnt sich eigentlich auch die Aufzucht nicht. Viehzucht und Milchproduktion stehen mit dem Rücken zur Wand. Für die traditionellen Viehschauen fehlen dem Milchproduzenten das Geld und die Zeit. Schlaefli ist sicher, bald wird die Viehzucht auch dort Federn lassen müssen. Umso wichtiger sei es, dass man denjenigen, die noch züchten und die einheimische Kuh erhalten wollen, nicht branchenintern noch weitere Hürden in den Weg stellt.
Freiheit der Züchter
Was Ernest Schlaefli will, ist mehr Markt und mehr Freiheit für die Züchter. Wenn jemand einen punktierten Muni will, soll er den kaufen können, wenn jemand nicht will, dann soll er deshalb nicht abgestraft werden. Dass der schweizerische Verband diese unterschiedlichen Philosophien aufeinanderprallen liess, findet Schlaefli nicht richtig. Es sei nicht die Frage, ob es der Zuchtstiermarkt Thun oder Bulle richtig mache. Es seien zwei unterschiedlich gewachsene Traditionen. Deswegen zwischen den Stierenhaltern einen Graben aufzutun und Geschirr zu zerschlagen, mache keinen Sinn und schwäche die Viehzucht und insbesondere die genetische Breite der Red Holstein unnötig.
Dann hat der Schlaefli geschlossen. Er packt seine Unterlagen zusammen, lacht. Er freut sich auf den kommenden Stierenmarkt Bulle, der wieder etwas traditioneller sein wird. Und er hofft, dass es wieder das gemütliche Fest wird, das es immer war, bevor die weissen Mänteli und die aufgezwungene Punktierung die Stimmung kippen liessen.
«Wer in Thun einen Stier kauft, weiss warum er dorthin geht, und wer in Bulle einen Stier kauft, weiss auch warum. Lasst den Züchtern die Freiheit, selbst zu entscheiden», schlägt er die Brücke. Die Berner und die Welschen seien immer Freunde gewesen und hätten sich gegenseitig akzeptiert. «Es sind zwei unterschiedliche Mentalitäten, keine ist richtig und keine ist falsch. Einfach etwas anders und das kann man doch einfach so stehen lassen», betont Schlaefli.
Daniela Joder