Die Meldung aus dem Bernbiet liess aufhorchen: Weil Frostschäden die Erträge gedrückt haben, erhebt die Rebbaugenossenschaft Spiez am Thunersee für den raren Weinjahrgang einen «Solidaritätsfrostzuschlag» von drei Franken pro Flasche. Das genüge zwar immer noch nicht, um die grossen Einbussen abzufedern, war in der Regionalzeitung «Berner Oberländer» zu lesen. Liebäugeln die Weinbauern in der Zentralschweiz und im Aargau auch mit Preiszuschlägen?

Konstanz bei den Preisen

Preiserhöhungen wegen vorübergehend knappem Angebot findet Beat Felder, Luzerner Rebbaukommissär, beim Wein heikel. «Vor allem die Qualität bestimmt den Preis, nicht die Marktlage.» Die Weinpreise sollten eine bestimmte Konstanz haben, zumal Weine nicht saisonale Produkte wie Gemüse sind. Schwankende Preise je nach Jahrgang mögen bei Bordeaux-Weinen gehen, nicht aber bei regionalen Weinen. Die Konsumenten hätten sehr wohl Verständnis für die grossen Frostschäden und das somit knappe Angebot, Preisausschläge würden aber kaum goutiert. Zudem seien die 50 Zentralschweizer Erwerbswinzer mit den rund 70 ha Reben sehr unterschiedlich vom Frost betroffen gewesen, ergänzt Peter Krummenacher, Präsident Zentralschweizer Weinbauverein. Einige frostgeschädigte Weinbauern hätten aber schon vorher reagiert, und anstehende Preiserhöhungen auf dem Jahrgang 2016 durchgesetzt, mit Ankündigung im Werbebrief Frühjahr 2017, als die Frostschäden schon absehbar waren, weiss Felder. Gerade im Kanton Luzern, wo im Schnitt doch mehr als ein halber Ertrag geerntet wurde, könnten aber viele Weinbauern nicht von den Entschädigungen durch Fondssuisse profitieren. Dafür wird ein Schaden von mindestens 50 Prozent vorausgesetzt. Sie müssen somit wieder auf bessere Jahrgänge hoffen, können aber von der grundsätzlich guten Nachfrage profitieren. «Wenn mehr Luzerner Wein angeboten wird, wird auch mehr gekauft.»

Individuelle Preispolitik

Im Aargau sei derzeit nicht feststellbar, dass die Preise steigen, sagt Pascal Furer, Geschäftsführer Aargauer Wein. Oder noch nicht, die Produzenten würden wohl im Frühjahr die Marktlage beurteilen, wenn die Weine abgefüllt werden. Es sei gut denkbar, dass stark frostbetroffene Weinbauern im Fricktal reagieren. Die Preise würden betriebsindividuell von der Nachfrage bestimmt: Es gebe Aargauer Betriebe mit mühelosem Absatz, während andere sich mehr darum bemühen müssten, und somit wenig Spielraum bei den Preisen hätten. Weinbauer Furer betreibt selbst noch eine Spezialitäten-Mosterei und kauft Rohstoff zu, der dieses Jahr wesentlich teurer war. Er habe deswegen seine Most-Preise erhöhen müssen.

Viel besser als erwartet

Der Aargauer Rebbaukommissär Peter Rey weist darauf hin, dass die Ernte im Aargau nun doch viel besser war als befürchtet: «78 Prozent einer Durchschnittsernte, 16 000 hl, konnten gekeltert werden, bei hervorragender Qualität.» Rey nennt Gründe für den unverhofften Ertrag: Offenbar wurden mehr Frostreserven angeschnitten, die Reben erholten sich schneller, die Nebenaugen waren fruchtbarer, das Wurzelwerk blieb intakt, sodass die Pumpe im Boden funktionierte. Dazu kamen genügend Sonne und Bodenfeuchtigkeit während der ganzen Vegetation und der September-Regen sorgte für schwere Trauben. Im Aargau dominieren auf den rund 400 ha die Sorten Riesling-Silvaner und Blauburgunder, aber vermehrt wird auch auf Spezialitäten gesetzt.

Josef Scherer