«7500 Mutterschweineplätze bis Ende 2017 abbauen», steht auf einer gemeinsamen Mitteilung der Schweizerischen Schweinehandels-Vereinigung (SHV) und des Produzentenverbands Suisseporcs. Der Aufruf wird in der nächsten «Suisseporcs-Information» prominent platziert.
7500 Muttersauen zu viel
Die Zahl ist eine aktuelle Einschätzung erstgenannter Organisation, die sich allerdings in einer Umfrage «erhärtet» habe, sagt SHV-Präsident Otto Humbel, selber aktiver Schweinehändler aus Stetten AG. Die grössten Marktteilnehmer haben daran teilgenommen und kalkuliert, wie viele Mastplätze in ihrem Kundenstamm verloren gehen. Dann wurde hochgerechnet. Die 60'000 fehlenden Mastplätze bedeuten für die vorgelagerte Stufe der Mastferkelproduzenten, dass dann rund 7500 Muttersauenplätze zu viel in Produktion sind. Bei einer Mastdauer von rund 100 Tagen werden auslaufende Mastbetriebe bereits ab April, spätestens aber Mai 2018 nicht mehr einstallen. Unter Berücksichtigung des Produktionszyklus bei Schweinen von rund 42 Wochen von der Belegung der Sau bis zur Schlachtung des ausgemästeten Schweins wird die zeitliche Komponente klar. Gehen tatsächlich so viele Mastplätze verloren, sind die Züchter jetzt gefordert, Muttersauenplätze abzubauen. Ansonsten droht bereits ab Frühling 2018 ein massives Überangebot an Jagern.
Aufrufe fruchten kaum
Aufrufe zur Solidarität im Sinne von «jeder soll doch ein bisschen weniger produzieren» funktionierten noch nie. Diese Erfahrung machte die Suisseporcs bereits mehrmals in den vergangenen Jahren. Fairerweise muss an dieser Stelle ergänzt werden, dass dies nicht eine spezielle Charakterschwäche der «Söieler» ist, sondern wohl eher menschlich. Die Suisseporcs informierte indes laufend über die Problematik der fehlenden Mastplätze und sensibilisierte früh. Bereits 2012 wurde die Zahl von mindestens 45'000 fehlenden Mastplätzen kommuniziert. Schon damals war klar, dass etwa grössere Käserei-Mastbetriebe mitten im Dorf, wie sie in der Ostschweiz und in der Romandie noch häufig anzutreffen sind, nicht mehr bauen dürfen oder aufgrund der Veränderungen in der Milchwirtschaft auch nicht wollen. Und wer innerhalb der bestehenden Gebäudehülle umbaut, wird aufgrund des vorgeschriebenen grösseren Platzbedarfs rund einen Drittel der Plätze verlieren. Aktuell sei die Nachfrage nach Jagern noch trügerisch gut, heisst es von Branchenkennern. Einige neue Mastbetriebe sind bereits in Betrieb, ältere noch immer aktiv.
Handel in Pflicht genommen
Suisseporcs-Geschäftsführer Felix Grob gibt nun den Ball an den Handel weiter. «Jeder Züchter soll sich bei seinem Vermarkter schriftlich bestätigen lassen, dass die Jager auch ab Juni 2018 zeitgerecht und vollständig abgeholt werden», so seine Idee. Davon wollen allerdings die Händler wenig wissen, wie eine kleine Umfrage der BauernZeitung zum Vorschein brachte. «Wir werden also nächstes Jahr voll reinlaufen», gibt sich Grob entsprechend pessimistisch. Dies ist klar die vorherrschende Meinung, spricht man mit Branchenkennern. «Es wird wieder nur über den Preis gehen», sagt auch Xaver Fleischlin, Geschäftsleiter des zweitgrössten Schweinevermarkters der Schweiz, der Agrifera. Anders ausgedrückt: Es werden anhaltend sehr schlechte Jagerpreise erwartet, welche einige Züchter zur Aufgabe bewegen werden. Bei den AFP-Ringen der Agrifera habe man die Hausaufgaben gemacht, sagt Fleischlin, und die Sauenplätze um bis zu sieben Prozent reduziert. Ansonsten sei es schwierig, gehöre die Firma doch den Bauern selber. Der Solidaritätsgedanke wird auch deswegen nicht funktionieren, weil fast alle Akteure nichts gegen Umsatz in der Branche haben. Der Handel ist ein Beispiel, Futtermühlen ein weiteres. Dass nun die Schweinehändler einander die Mäster abjagen, um alle Jager platzieren zu können, glaubt Otto Humbel nicht. Konkurrenz gebe es natürlich, aber nicht mehr als zuvor. Er selber ist schon seit den frühen 1980er-Jahren im Handel und erlebt Züchter und Mäster als treue Kunden. Nebst dem zu erwartenden Preissturz bei den Jagern im kommenden Sommer kommt ein weiteres Problem auf die Branche zu, was allen bewusst ist, worüber aber niemand gerne spricht: Was passiert mit den Jagern, sollten tatsächlich nicht alle irgendwo unterkommen? Otto Humbel ist sich der Herausforderung durchaus bewusst, bleibt aber zuversichtlich. Jeder in der Branche sei in den kommenden Monaten gefordert. «Es wird keine Punktlandung geben», prophezeit er. Aber man werde versuchen, möglichst nahe beim Ziel aufzusetzen und arbeite intensiv an der Umsetzung.
Investition ohne Mehrwert
Sollten tatsächlich so viele Mastplätze verschwinden, wäre dies mittelfristig für die im Markt Verbleibenden positiv. Die Inlandproduktion liegt beim Schweinefleisch bei rund 97%. 60'000 Mastplätze würden eine Senkung um rund sechs bis sieben Prozent bedeuten. Endlich wäre man beim gewünschten Anteil von gut 90%. «Das würde Zug in den Markt bringen», sagt auch Felix Grob. Denn bei 97% könne die Saisonalität nur bedingt ausgeglichen werden. Auch wenn das Vollspaltenverbot aus Gründen des Tierwohl sinnvoll ist, frühzeitig angekündigt wurde und dem Schweinemarkt mittelfristig guttun wird, darf eines nicht vergessen werden: Wiederum investieren die Schweizer Landwirte Millionen, von denen sie unter dem Strich keinen Vorteil haben werden. Weder bei einer rationelleren Bewirtschaftung, noch bei einem Mehrpreis für ihre Produkte. Dies sei auch ein Grund, mutmasst ein Ostschweizer Stallbauer, dass viele mit dem Umbau so lange zuwarten würden. Die Motivation sei nicht gerade riesig, die Finanzlage auf vielen Betrieben dürftig.
Weniger ist mehr
Was hilft? Wer seinen Maststall noch nicht konform hat, sollte sich schleunigst informieren. Wer einen auslaufenden Betrieb führt, könnte zum Wohle der Branche bereits ein paar Umtriebe vorher aussteigen. Mastferkelproduzenten sollen ein wenig schärfer selektionieren bei ihren Sauen. Bei den Schweinen funktionieren die Marktgesetzte bekanntlich. Und weniger bedeutet oft mehr. Alles, damit im September 2018 möglichst nahe am Punkt gelandet wird und Image- und Wertschöpfungsverluste vermieden werden können.
Armin Emmenegger