Sie gilt als Königin der Ackerkulturen, die Zuckerrübe. Oder besser gesagt, sie galt als solche. Denn die Zeiten, als sie als lukrative Kultur in aller Munde war, die erst noch gut in die Fruchtfolge passte, sind längst vorbei. Viele Bauern kehren der Frucht vermehrt den Rücken. Die Wirtschaftlichkeit und die Hürden, die beim Pflanzenschutz zu meistern sind, sind nur zwei Kriterien. Trotz jahrelanger Produktion haben viele Bauern genug und hängen die Kultur endgültig an den Nagel.
Die Zuckerrübe hat das eigentlich nicht verdient. Sie liefert nicht nur das «weisse Gold», sondern sie ist auch eine hochwertige und bedeutende Pflanze für die Umwelt: So ist die Zuckerrübe ein wichtiger Kohlendioxid-Schlucker! Mit ihren grossen Blättern wandelt eine Hektare Zuckerrüben vier Mal mehr schädliches Kohlendioxid in Sauerstoff um, als die gleiche Fläche Wald. Diese Erkenntnis ist wahrscheinlich noch nicht in Bundesbern angekommen. Denn der Bundesrat hat kein Interesse, genügend Anreizsysteme zu schaffen, damit die Anbau- fläche in der Schweiz erhalten bleibt. Nein, im Gegenteil. Er möchte am liebsten heute, statt morgen die Zölle abschaffen, die Grenzen öffnen und den Markt liberalisieren. Ob der Bundesrat wirklich der Ansicht ist, dass die Bauern, trotz eines Einzelkulturbeitrags, unter diesen Voraussetzungen weiterhin auf die Zuckerrübe setzen werden? Meint er wirklich, dass die Schweizer Landwirtschaft ohne Grenzschutz an ihren Produkten noch etwas verdienen wird? Wenn die Landesregierung das in ihrem Kämmerlein glaubt, dann soll sie doch bitte einmal auf einem bäuerlichen Familienbetrieb ein Praktikum absolvieren. Dort würden es die Bundesräte mit ihren eigenen Augen sehen, dass viele Bauernfamilien trotz harter Arbeit und langen Tagen ein Einkommen erwirtschaften, das unter aller Würde ist.
Ich kann mit noch gut erinnern, als mein Vater Zuckerrüben angebaut hat. Voller Stolz begutachtete er jeweils sein Feld. Unkraut oder Schosserrüben konnte er dabei nicht ausstehen. Er rückte den ganzen Sommer immer wieder mit der Hacke aus und machte den unliebsamen Klebern, Gräsern oder Disteln den Garaus. 16 Franken erhielt er noch für 100 kg Rüben (bei einem Zuckergehalt von 15 Prozent). Das heisst, für eine Hektare bekam mein Vater noch zwischen 10 000 und 12 000 Franken.
Beim Vereinzeln der Rüben im Mai wurden wir auch ohne Ferien das erste Mal braun. Bei der Ernte im Herbst, hiess es an den schulfreien Nachmittagen: ab auf das Rübenfeld! Mit einem «Schipper» entfernten wir von Hand das Rübenlaub. Zeile um Zeile, Tag für Tag. Meine Geschwister und ich lieferten uns dabei immer wieder ein Wettrennen. Gut, unsere Mutter haben wir bei dieser Arbeit nur von hinten gesehen. Sie war beim Rübenschippen einfach unschlagbar. Sie hatte eine Technik drauf, die auch von meinem Vater nicht einholbar war. Mit dem Knie gab sie jeweils dem Schipper einen kräftigen Stoss und schon flog das Rübenlaub samt dem Kopf auf den Rübenwalm.
Seither sind einige Jahre vergangen. Heute bekommen die Bauern für 100 kg Rüben nicht einmal mehr vier Franken (bei einem Zuckergehalt von 16 Prozent). Hingegen kostet die gleiche Menge Rübenschnitzel fast sechs Franken. Zu diesem miserablen Preis kommen noch die teuren Pflanzenschutzmittel und der Düngereinsatz dazu. Auch die Maschinenkosten für die Rübenernte nagen kräftig am Betriebsergebnis. Bei dieser Rechnung erstaunt es nicht, dass viele Zuckerrübenbauern, trotz eines Einzelkultur- beitrags von 1800 Franken pro Hektare, das Handtuch werfen.
Wegen der beschlossenen Änderung der Zuckermarktordnung in der EU, die auch die Aufhebung der Zuckerquote behinhaltet, kommt ein weiterer Druck auf die Schweizer Rübenpflanzer und die Verarbeitungsindustrie zu. Daher ist es notwendig und wichtig, dem Zuckerrübenanbau wieder eine Perspektive zu geben. Vielleicht wäre ein Bündel von Massnahmen, wie eine weitere Erhöhung des Einzelkulturbeitrags, eine Unterstützung der Verarbeitung und eine Erhöhung des Zolls auf Kristallzucker der Weg? Auch die Erkenntnis, dass der in der Schweiz produzierte Zucker gegenüber dem EU-Rübenzucker um 30% nachhaltiger ist, müsste jetzt auch dem letzten Skeptiker die Augen geöffnet haben. So sind nicht nur die Bauern, sondern auch die Branche und insbesondere die Politik gefordert. Damit man die Zuckerrüben wieder zu Recht Königin der Ackerkulturen nennen darf.
pf