Wenn am Sonntag in Oberbottigen BE die Korken knallen – und davon kann man gemäss allen Abstimmungsprognosen ausgehen – dürfte der eine oder die andere Beteiligte aufatmen. Die Ernährungssicherheitsinitiative und später der Gegenvorschlag des Ständerats halten die Branche seit über drei Jahren auf Trab.

Der Abstimmungskampf ohne Opposition

Das Unterfangen, geboren aus dem innerlandwirtschaftlichen Zwist nach Gutheissung der AP 2014–17 hat den Schweizer Bauernverband (SBV) und zahlreiche seiner Sektionsmitglieder viele Energien, unzählige Arbeitsstunden und einen Betrag im siebenstelligen Bereich gekostet.

Der Abstimmungskampf war zwar mehr ein Schaulaufen, denn so richtig opponieren wollte fast niemand. Den gegnerischen Splittergrüppchen fehlte die Wasserverdrängung und das Geld, um ein Nein-Komitee auf die Beine zu stellen. Stattdessen gab es eher ungewöhnlicherweise zwei Ja-Komitees, ein bürgerliches und eines der Agrarallianz, gemeinsam mit einigen linken und liberalen Parteien und der Stiftung für Konsumentenschutz.

Vorbereitungen auf den nächsten Hosenlupf

Gleichzeitig gab es, auch das nicht ganz üblich, zwei Ja-Kampagnen, die eine, hinlänglich bekannte, des SBV mit Kartoffeln, Äpfeln und Eiern, die den Fokus auf die Qualität heimischen Schaffens setzte. Die andere stammte aus der Küche von Greenpeace, Pro Natura und Bird Life (Vogelschutz). Ihr Akzent war vollkommen anders. Sie verband die Zustimmung mit relativ aggressiven Angriffen auf die angeblich mangelhafte Ökobilanz der Schweizer Landwirtschaft.

Die Diskrepanz ist schnell erklärt. Es geht darum, wer nach dem so gut wie sicheren deutlichen Ja vom Sonntag den längeren Hebel hat im Hinblick auf die Agrarpolitik. Derzeit bereiten sich alle Beteiligten hinter den Kulissen auf den nächsten Hosenlupf vor. Dieses segelt unter dem Kürzel AP 22+. Nachdem man für die Phase 2018–21 aus Rücksicht auf die Bauern bewusst auf eine weitere Runde verzichtete, scheinen die Beteiligten das nächste Feilschen geradezu herbeizusehnen.

Mehr Produktion oder mehr Ökologie

Bereits hat die Milchbranche ihre Position markiert: Der Fokus müsse nach 2021 stärker auf Arbeitsleistung als auf der Fläche liegen, das BLW studiert an einem Betriebsbeitrag herum, während die Absichten des SBV eher Richtung Futtergetreidebeitrag und ähnliche Produktionsfördernde Projekte gehen dürfte. Derweil wollen die Umweltverbände die Landwirtschaft weiter verschönern. Im Fokus stehen Themen wie Pflanzenschutzmittel-Beschränkung, Antibiotikareduktion und restriktive Bauvorschriften.

Wer also meint, er könne sich jetzt entspannt auf den fast garantierten Lorbeeren vom kommenden Sonntag ausruhen, sollte sich auf ein ungemütliches Erwachen vorbereiten. Denn das politische Schaulaufen dürfte sich innert Tagen in ein rustikales Tauziehen um Einfluss verwandeln.

akr