Die tragische Naturkatastrophe in Bondo vergangene Woche, bei der acht Wanderer ums Leben kamen, hat die Schweiz in Atem gehalten. Besonders mitgelitten hat auch Landwirt Ursin Bonifazi in Brienz GR. Denn auch sein Dorf kämpft mit der Unberechenbarkeit des Bergs.
Unzählbare Schäden
Dass das 110-Seelen-Dorf überhaupt noch steht, grenzt an ein Wunder. Denn das ganze Dorf bewegt sich immer schneller in Richtung Tal. Man kann sich vorstellen, Brienz befinde sich auf einer schwimmenden Insel – nur ist es nicht von weichem Wasser umgeben, sondern von hartem Gestein (siehe Kasten). Die Erdschichten reiben aneinander und verursachen Schäden an Gebäuden und Leitungen. Rohrbrüche häufen sich, die Zufahrtstrasse zum Dorf muss bis zu vier Mal im Jahr ausgebessert werden. «Eigentlich müsste man mit Sack und Pack wegziehen von hier. Aber alles, was wir haben, ist hier», sagt Ursin Bonifazi.
Nicht aufgeben
Tatsächlich wird er in absehbarer Zeit einen gut aufgestellten Hof von seinem Vater übernehmen. Mutterkuhhaltung, Mutterschafe und 38 ha Landwirtschaftliche Nutzfläche gehören dazu. Hervorragende Aussichten – wenn nur die Rutschungen nicht wären. In der Folge der Rutschungen gibt es immer neue Bodenwellen in Wiesen, die vorher eben waren. Gerade am nördlichen Rand des Rutschgebiets bilden sich Risse im Land.
Wiesen zerreissen
«Jedes Jahr ist es schwieriger, mit dem Motormäher die Wiesen zu mähen», sagt Ursin Bonifazi. Der junge Mann hat gerade die landwirtschaftliche Lehre am Plantahof abgeschlossen. In seiner Vertiefungsarbeit zum Lehrabschluss schreibt er: «Eine Böschung wird zum Beispiel jedes Jahr ein wenig steiler oder eine harmlose Halde wandelt sich langsam in ein immer abfallenderes Bord um. Auch werden auf vielen Parzellen die Zufahrten immer schmaler, da die Wege stark unter dem Hangdruck leiden. Solche Änderungen machen den Landwirten je länger je mehr zu schaffen.» Zusammen mit seinem Vater füllt er die Risse jeweils so gut möglich mit Erde auf. Eine Sisyphusarbeit.
Gerade noch bewilligt
«Gut haben wir letztes Jahr die Baubewilligung für unser Wohnhaus erhalten», so Ursin Bonifazi. Mittlerweile ist nämlich ein Baustopp verhängt worden. Dieses gilt voraussichtlich für zwei Jahre. Bonifazi ist froh, dass seine Eltern vor 15 Jahren einen geräumigen Grossviehstall erstellt haben, so muss er sich in Zukunft keine Sorgen betreffend Bauen machen. Damals, beim Erstellen der Profile für den Mutterkuhstall, bohrte sein Vater mit dem Locheisen vor. Er konnte das Eisen gerade noch rechtzeitig festhalten, sonst wäre es in einer unterirdischen Spalte verschwunden.
Nur noch mit der Sense
Mit solchen Löchern im Boden muss man rechnen. «Einmal ist das ganze Hinterrad des Transporters im Boden eingesunken», erzählt Ursin Bonifazi.
Fast jedes Mal, wenn der Jungbauer das Wiesland nördlich des Dorfes betritt, sieht er neue Auswirkungen des Rutschens. Manche Stellen können nur noch mit der Sense gemäht werden.
Unbehagen ist natürlich da
Natürlich hinterlässt es bei allen Anwohnern des Dorfes ein Unbehagen, hört man doch jeden zweiten Tag Steine über dem Dorf die Felswand herunterstürzen. Fundamente von Bauten mussten extra verstärkt werden mit viel Eisen. Und trotzdem bewegt sich alles.
Türen gehen nicht mehr gleich gut zu, Spalten bilden sich zwischen gepflasterten Vorplätzen und den Häusern. Hat man da nicht Angst?
Hoffnung auf Stabilisierung
«Ich kenne es nicht anders», sagt Ursin Bonifazi. Ausserdem ruht seine Hoffnung auf den Massnahmen des Amtes für Wald und Naturgefahren Graubünden.
Für 2018 sind Messungen geplant, die eine mögliche Lösung bringen könnten: Wenn durch Bohrungen das Wasser unter dem Dorf abgeleitet werden könnte, würde das die Erdschicht, auf der das Dorf steht, stabilisieren. Das «Schmiermittel» zwischen den Erdschichten flösse ab. Und damit würde die Rutschgeschwindigkeit genügend verringert. Dann wäre das Dorf nicht mehr in Gefahr.
Nadine Baumgartner