Vor dem Hauseingang fällt eine rostige Tafel ins Auge, darauf prangt in silbernen Buchstaben «Familienrezept». Zufriedenheit, Spass, Liebe, Vertrauen. Daran soll es in der Familie Keiser nicht fehlen. Bei der beschriebenen Prise Humor war die Köchin wohl etwas grosszügiger, wie schon die Begrüssung zeigt. Eine warmherzige Gelassenheit geht von Sandra Keiser aus. Eigenschaften, welche ihr beim Umgang mit Kindern und Jugendlichen helfen.

Humor und Direktheit

Zusammen mit ihrem Mann bietet die Bäuerin seit acht Jahren Betreuungslösungen auf dem Bauernhof an. Manfred Keisers wache blaue Augen verraten seine gute Beobachtungsgabe. Der dichte Bart verkörpert Bodenständigkeit und eine fast schon stoische Ruhe. Die markante Gestik unterstreicht das Gesagte: «Ich bin ziemlich direkt.» Julia Rossmann von Via Familia ergänzt: «Viele Jugendliche schätzen die klaren Ansagen, was drin liegt und was nicht.»

Die Pädagogische Leiterin der Familienplatzierungsorganisation ist froh, auf einen Betreuungsplatz wie die Familie Keiser zählen zu können. Von kurzen Time-Outs oder Ferienbesuchen bis zu Langzeitlösungen über ein Jahr oder mehr, der Bauernhof oberhalb von Büren bietet für alles Platz. Wie für die zwei Schwestern – mit der Mutter aus Afghanistan geflohen und hier alleingelassen – die einige Ferienwochen bei Keisers erlebten.

Für ihre Gebetsstunden nahmen sie kurzerhand den Flur in Beschlag: «In ihr traditionelles Gewand gehüllt, richteten die beiden den Gebetsteppich nach Mekka aus und beteten ganz vertieft», berichtet die Bäuerin fasziniert und ergänzt lachend: «Es fehlte nur noch ein Kamel, um mich wie im Orient zu fühlen. Jetzt ist übrigens auch unser Haus gesegnet.»

Eigene Grenzen beachten

Sollten sprachliche Barrieren, rechtliche oder fachliche Fragen auftauchen, kann sich das Bauernpaar jederzeit an Via Familia wenden. Administrative Arbeiten liegen ebenfalls bei der Organisation und wöchentliche Besuche geben Sicherheit für alle involvierten Parteien.

Machten denn Keisers noch nie schlechte Erfahrungen mit ihren Schützlingen? «Einmal gerieten wir an unsere Grenzen. Aber das war ein absoluter Ausnahmefall.» Sandra Keiser wärmt ihre Hände an der Teetasse und kneift die Augen leicht zusammen, als würden die Erinnerungen sie einholen. Dieser Junge, er habe sich nichts sagen lassen, überall Unordnung gestiftet, alles besser gewusst. «Heute würden wir das wohl früher beenden», haben Keisers ihre Lehren daraus gezogen.

Der Landwirt betont: «Es darf nicht an die Substanz gehen.» Bestimmt schliessen die beiden dieses Kapitel mit der nächsten lustigen Geschichte aus ihrem Betreuungsalltag. Humor hilft eben, «man darf nicht alles zu eng und verbissen sehen», findet Manfred Keiser. Wenn er erzählt, er «schraube» gerne an den jungen Gästen herum, mag das etwas technisch klingen. Für ihn heisst das viel mehr, im Alltag, in einer natürlichen Umgebung Nachvollziehbares zu erklären. Oder den Jugendlichen Denkanstösse zu geben, welche dann selber nachwirken. «Diese Kinder sind Experten darin, zu ihrem eigenen Vorteil zu arbeiten», weiss der 50-Jährige. Wenn sie aber merkten, dass sie nichts zu befürchten haben, beginne eine Veränderung.

«Wir behandeln alle wie unsere eigenen Kinder», ist Sandra Keisers Grundsatz, «nicht besser, nicht schlechter.» Mithilfe auf dem Bauernbetrieb sei übrigens nicht Bedingung, «zwingen tun wir niemanden.»

«Das könnten Andere auch»

Sozialpädagogin Julia Rossmann fügt an: «Ein kleinerer Rahmen mit wenigen Bezugspersonen und eine persönliche Beziehungsbasis schaffen viel Klarheit. Das lässt die Kinder zur Ruhe kommen.» Oder erst recht aufblühen, wie unzählige Anekdoten der 13-jährigen Meli* beweisen. «Supermeli» nennen Keisers sie liebevoll, «ihr fehlte nur noch der Umhang.»

Alles habe sie vom Hofalltag gewusst, überall sei sie dabei gewesen. Gelegentlich meldet sie sich bei der Familie Keiser, welche sich immer über gelungene Entwicklungen freut. Lob über seine Arbeit will Manfred Keiser nicht, «das könnten so viele Andere auch.» Wichtig sei, dass man überzeugt sei von seinem Tun. «Und die Begleitung durch eine seriöse Organisation», fügt seine Frau an.

Andrea Gysin

* Name geändert