Otto Zimmermann bückt sich, packt mit beiden Händen die Blätter und zieht kräftig daran. Ein knackendes Geräusch verrät, dass die Wurzeln nachgeben. Zimmermann richtet sich auf. Die Linke umschliesst die Blätter, mit der rechten Hand wischt er die Erde von der Rübe. Stolz präsentiert er die Königin der Ackerkulturen und grinst mit der Genugtuung eines Meisters, der eben die Qualität seines Werkes bestätigt sieht. Zimmermann ist einer von etwas mehr als 5000 Zuckerrübenbauern und steht am Rand seiner sechs Hektaren grossen Parzelle in Döttingen AG.
Letztes Jahr sahen seine Rüben anders aus. «Der nasse Frühling», seufzt Zimmermann. Der Regen hat ihm damals einen ordentlichen Strich durch die Rechnung gemacht. «Statt Rüben habe ich nur Rüebli ernten können», meint er heute. Der Zuckergehalt sei zwar gut gewesen. «Aber mit Erträgen von 600 Kilo pro Are lässt sich kein Geld verdienen.» Wie Zimmermann ging es im letzten Jahr vielen Bauern. Die Königin war nicht in Form. Und obwohl in der Folge die Schweizer Zuckerlager leer gefegt sind, steigen die Zucker- und Rübenpreise nicht an.
Alles andere als königlich
Schuld daran ist wie so oft in der Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft die EU. Letztere hat nämlich beschlossen, die Zuckerquoten aufzuheben und die Marktkräfte zu entfesseln. Im September ist es soweit. Und die Vorboten sind alles andere als königlich: Die deutschen Zuckerfabriken wollen ihre Marktanteile erhalten und führen mit aller Härte einen Verdrängungskampf. Damit verbunden steigen die Zuckermengen und fallen die Zuckerpreise. Für die Schweiz wäre das kein Problem, wenn der europäische Nichtquotenzucker nicht in der Schweiz verkauft wird. Doch das ist nur Wunschdenken, der Nichtquotenzucker rieselt in Form von verarbeiteten Produkten auch in die Schweiz.
Für die Zuckerfabriken ist das ein Problem, denn sie müssen ebenfalls um ihre Marktanteile kämpfen. Seit drei Jahren sinkt der Rübenpreis. Eine Tonne Rüben, wie sie Zimmermann anbaut, war inklusive der variablen Kosten- und Ertragsanteile in der Kampagne 2016 gerade noch 44 Franken wert. In der Kampagne 2014 lag der Richtpreis noch bei 53 Franken. Zwar werden je nach Gehalt noch Zuschläge bezahlt, aber die generelle Lage macht vor allem dem Schweizerische Verband der Zuckerrübenpflanzer (SVZ) und der Schweizer Zucker AG zu schaffen. Denn Verband und Firma verhandeln jeweils Preise und Anbaumengen. Und die Verantwortlichen wissen, dass sie mit den tiefen Preisen die Anbaubereitschaft der Zuckerrübenpflanzer aufs Spiel setzen. Umso mehr wünscht sich der SVZ positive Presse im Dienste der Zuckerrübe – und vermittelte kurzerhand ein Porträt mit Otto Zimmermann.
Wenig gute Alternativen
Der Zuckerrübenbauer aus Döttingen AG nimmt die Diskussion noch entsprechend gelassen. «Wir hoffen, dass der Zuckerrübenanbau in der Schweiz bestehen bleibt», sagt er. «Es gibt kaum vergleichbare Kulturen», meint der Meisterbauer. 1990 hat er den Betrieb übernommen. Damals baute er auf zwei Hektaren Zuckerrüben an und war noch der Bundesordnung des Zuckermarktes unterworfen. «Erst mit der Flächenausdehnung der Zuckerfabriken konnte ich meine Anbaufläche vergrössern.» Für ihn gehört die Zuckerrübe immer noch zu den interessantesten Kulturen überhaupt. «Der Weizenpreis hat sich in den letzten dreissig Jahren halbiert, obwohl die Kosten weitestgehend auf dem Niveau von 1990 blieben.» Beim Zucker ist der Preiszerfall ähnlich, wenn auch nicht ganz so gravierend. «Die neuen Sorten sind leistungsfähiger. Im Durchschnitt kann ich 17 bis 18 Tonnen Zucker pro Hektare herstellen», sagt er.
Aus ackerbaulicher Sicht passt die Zuckerrübe gut in die Schweiz. Das wissen alle, die sich damit befassen. Dass aber die ganze Arbeit auch finanziell aufgeht, ist mit den letzten Preissenkungen nicht mehr selbstverständlich. «Das Problem ist, dass Zuckerrüben viele Fremdkosten haben: Säen, spritzen, ernten, verladen, alles macht der Lohnunternehmer», sagt Zimmermann. Er pflügt und eggt und sorgt für gut vorbereitete Äcker – mehr nicht. Immerhin deckt der Einzelkulturbeitrag einen guten Teil der Kosten, sagt Zimmermann.
Ausserdem sät Zimmermann nach Möglichkeit auf einer zusammenhängenden Parzelle aus. «Damit kann ich kosteneffizient arbeiten», erklärt er. Gerade bei den Zuckerrüben ist das zusammen mit möglichst hohen Hektarerträgen wichtig, um trotz den ausgelagerten Arbeiten noch Geld zu verdienen. Wie Zimmermann sagt, gelinge das nach wie vor: «Die Zuckerrübe ist so gesehen gerade so interessant wie die anderen Kulturen.»
Einzelkulturbeitrag hilft mit Ein wichtiger Faktor ist dabei der Einzelkulturbeitrag. Dieser beträgt derzeit 1800 Franken je Hektare. Und aus Sicht von Otto Zimmermann ist das Bundesgeld so lange zwingend, wie sich die EU-Zuckerpreise auf Achterbahnfahrt befinden. «Denn auch in der EU können die Bauern mit den derzeitigen Preisen nicht ewig durchhalten», sagt er. Doch Zimmermann, der für möglichst viel unternehmerische Freiheit plädiert, sagt auch: «Wir können nicht sagen, dass der Einzelkulturbeitrag die nächsten zwanzig Jahre erhalten bleiben muss.» Denn nur um der Anbausicherung Willen die Produktion mit Bundesgeldern zu subventionieren, ist seiner Meinung auch keine langfristige Strategie sondern sorge nur für Trägheit im System.
Gute Böden sichern Ertrag
Doch zurück zum Anbau, dem Betrieb und Otto Zimmermanns Aussichten.
Es sei ein gutes Gefühl, Zuckerrüben anzubauen, sagt Zimmermann. «Und wenn man den Acker sieht, kann man auch Stolz auf die Rüben sein. Sie sind sauber, sehen gesund aus. Da kann man einen schönen Ertrag erwarten», meint er. Der Berufsstolz kommt da von ganz alleine.
Die tiefgründigen Döttinger Böden, die Zimmermann bewirtschaftet, tun das ihrige für die im Schweizer Vergleich guten Erträge. Denn selbst während trockenen Jahren ist Trockenstress bei seinen Rüben eher selten. So setzt auch Zimmermann alles daran, seine Böden gesund zu erhalten. «Für mich ist immer wichtig, genügend lange Fruchtfolgepausen zu haben», sagt er deshalb zu seiner Anbauplanung. Das Minimum liegt bei vier Jahren. Im Falle von Zimmermann sind es eher fünf oder sechs Jahre. «Darum ist auch die Anbaufläche auf sechs bis sieben Hektaren limitiert», meint der Bewirtschafter von 40 Hektaren. Er legt Wert darauf, dass seine Böden bedeckt sind, sät Gründüngungen und Spinat als Zwischenkulturen an. Den Spinat verarbeitet Ditzler. Das Gras wird siliert und von seinen Milchkühen zu Milch verstoffwechselt.
So sind auch Biodiversität, Vernetzung und Langfristigkeit keine Fremdworte für Zimmermann. «Ich bin nur Verwalter des Betriebes», sagt er. Seine Aufgabe sei es, den Betrieb so zu führen, dass die nächste Generation ohne Probleme weitermachen könne. Ein gutes Bespiel dafür sind die 15 ha Gründüngung, die er jährlich ausbringt: «Das sind ja nichts anderes als Kosten, Aufwand», sagt er. «Aber ich muss meinen Boden ertragsfähig halten. Das ist mein Kapital.
Saatgut für 15 Hektaren ist da im Verhältnis nicht viel.» Alleine die gute Rübenernte würde schon den höheren Aufwand rechtfertigen. Ähnlich verhält sich Zimmermann auch bei Investitionen: «Ich will mit Investitionen für die nächsten fünf bis zehn Jahre günstiger oder besser sein als meine Mitbewerber», sagt er. Kein Zweifel, Zimmermann glaubt an die Königin der Ackerkulturen. Und an die Zukunft seines Betriebs, der in den nächsten fünf Jahren von seinem Sohn übernommen werden dürfte.
Hansjürg Jäger