Die Milchbranche hat ein ungelöstes Problem: Tränker verlassen im Immunloch den Geburtsbetrieb. Das ist ein altbekannter Missstand. Mit der Einführung der Kälberimpfung gegen fieberhafte Atemwegserkrankungen und der Einführung der Mindesthaltung auf dem Geburtsbetrieb von 21 Tagen machte die Branche einen Versuch, diese sensible Periode zu überbrücken. Das Fernziel: Den Antibiotika-Einsatz in der Kälberhaltung zu reduzieren.

Bio-Tränker wandern in den konventionellen Kanal ab

Neuste Bestrebungen aus der Basis zielen darauf ab, diesen Exodus abzubremsen, beispielsweise mit der Erschliessung neuer Abnehmer wie der Gastronomie. Zentraler Player in diesem Umfeld ist etwa das neue Label «Bärner Grasrind». Unter diesem Label werden Biomastrinder vermarktet, die während 999 Tagen extensiv auf der Weide ausgemästet werden. Der Vorteil für den Verkäufer: keine Fett- und Gewichtsabzüge.

Der Knackpunkt aber ist, dass diese Bio-Tränker während vier Monaten auf dem Geburtsbetrieb abgetränkt werden müssten, bevor sie den Betrieb als Remonten verlassen würden – und das kostet.

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Die vollständige Abtränkpflicht bis 2031 ist nicht mehr aktuell

Betriebe, die nach den Demeter-Richtlinien arbeiten, streben an, 100 % ihrer Tränker auf dem Geburtsbetrieb oder einem biodynamischen Partnerbetrieb abzutränken. Ab 2031 wären sie dazu sogar verpflichtet. 

Die 2022 festgelegte Abtränkpflicht erfolgt schrittweise: 2024 startete das Programm mit einer Quote von 30 % der Kälber, die auf dem Geburtsbetrieb abgetränkt werden mussten. Nach 2025 folgte eine jährliche Steigerung um 10 %. Aktuell beträgt die Quote 50 %. 

Die ursprünglich geplante, jährliche Steigerung der Quote von 10 % wird 2027 allerdings für ein Jahr ausgesetzt. «Somit ist das ursprüngliche Ziel von einer hundertprozentigen Abtränkpflicht bis 2031 nicht mehr aktuell», sagt Verena Wahl, Co-Geschäftsführerin von Demeter Schweiz, auf Anfrage der BauernZeitung. Die 100 % würden frühestens 2032 erreicht werden können, so Wahl. Der Grund: Man wolle Zeit gewinnen, um den Absatzkanal für Demeter-Fleisch aufzubauen, so das Ziel von Demeter Schweiz.

Die Anzahl abzutränkender Kälber wird laut den Demeter-Richtlinien wie folgt berechnet: Anzahl Milchkühe geteilt durch 100 mal den geltenden Prozentsatz (im Jahr 2026 beispielsweise 50 %).

Kompatibel mit der saisonalen Abkalbung?

Fabian Wirth, Demeter-Bauer in Niederuzwil SG, setzt auf seinem biodynamischen Milchviehbetrieb bereits eine Abtränkquote von 70 % um. Seine grösste Herausforderung: das Bauliche. Weil der Biohof Neuhaus nach der saisonalen Abkalbung ausgerichtet ist, ist der Rhythmus gegeben und der Platz zum Abtränken wird immer in der gleichen Periode stark beansprucht. Um die 100-prozentige Abtränkpflicht zu erlangen, reiche es noch nicht, sagt der Landwirt.

«Milch und Fleisch gehören zusammen»

Wirths behalten einen Teil ihrer Kälber für die Remontierung ihrer Milchviehherde sowie für die Kälber- und Weidemast für die Direktvermarktung, der Rest geht als Tränker über den Händler oft in den konventionellen Kanal. «Das ist auch nicht mein Ziel, aber momentan die Realität», so Fabian Wirth. Er hat noch nicht lange auf Demeter gewechselt. Sein Ziel für nächstes Jahr ist es, mit einem Biobetrieb aus der Region zusammenzuspannen und die Kälber abzutränken, um sie anschliessend in die Bio-Weidemast verkaufen zu können. 

So könnten sie die Tränker zumindest im Biosektor halten. Der frische Demeter-Landwirt ist zuversichtlich, diese Kooperation auf die Beine stellen zu können. Für ihn ist klar, dass in der Milchwirtschaft ein gewisser Fleischanteil anfällt. Aber er weiss auch: Die Koppelung der Milch- und Fleischproduktion kann nicht nur in der Verantwortung des Milchwirtschaftsbetriebes liegen. 

«Es ist jetzt wichtig, die Konsumenten in die Pflicht zu nehmen und aktiv zu kommunizieren: Milch und Fleisch gehören zusammen», plädiert Fabian Wirth. Sein Appell: beides im Verhältnis zu konsumieren. «Man kann nicht nur Magerquark, Käse und Joghurt essen, es gehört auch ein gewisser Teil Fleisch dazu», sagt Wirth.

Er hat die Situation analysiert: Die Milch ist gefragt, das Bio-Fleisch ist zu teuer und deshalb vielleicht weniger gefragt. Seine Hoffnung ist es, dass dieser Markt an Nachfrage gewinnt und man sich der Qualität dieser Produkte bewusst wird. Dabei sieht er den Detailhandel ebenso in der Pflicht wie den Konsumenten und den Produzenten.

Der St. Galler ist bereit, diesen Kreislauf zu schliessen. «Schliesslich machen wir Bauern unseren Job ja gerne.» Aber wenn die Gesellschaft ihre Verantwortung nicht anerkenne, werde es schwierig, meint Wirth.


Was sagt Demeter Schweiz?

Wir haben bei Verena Wahl, Co-Geschäftsführerin von Demeter Schweiz, nachgefragt, wie die Betriebe diese Abtränkpflicht umsetzen.

Verena Wahl, wie meistern die Demeter-Milchviehbetriebe die geltende Abtränkpflicht?

Verena Wahl: Die Demeter-Milchviehbetriebe meistern diese Situation derzeit in der Regel gut. Viele Demeter-Landwirt(innen) bewerten die aktuelle Abtränkquote von 50 % als praktikabel. Einige Betriebe arbeiten mit Partnerbetrieben zusammen. Betriebe, die sich ausserstande fühlen, die Abtränkquote zu erfüllen, unterstützt Demeter bei der Suche nach einer geeigneten Lösung.[IMG 3]

Werden diese Höfe finanziell unterstützt, um die Tränker auf dem Betrieb während der 120 Tage abzutränken, oder finanzieren sie das selber?

Demeter Schweiz bietet keine spezifische finanzielle Unterstützung an. Die Abtränkpflicht erfolgt grundsätzlich auf Kosten des Betriebs. Je nach Käufer der Remonten können individuelle Preisabmachungen getroffen werden. Demeter setzt sich auf allen Stufen der Wertschöpfungskette dafür ein, die Finanzierung der Abtränkpflicht sicherzustellen. Aktuell suchen wir gemeinsam mit unseren Marktpartner(innen) umsetzbare und nachhaltige Lösungen. Ziel ist es, ein betriebswirtschaftliches Gleichgewicht zu schaffen, bei dem die Konsument(innen) den entsprechenden Mehrwert auch finanziell mittragen – ganz im Sinne des assoziativen Wirtschaftens.

Stellen Sie bereits einen Transfer von Fressern von Demeter- zu Bio-Weidemastbetrieben fest?

Da wir keine Erhebungen machen, wissen wir nicht genau, wie viele abgetränkte Remonten in den Bio-Kanal verkauft werden. Wir gehen davon aus, dass aufgrund des fehlenden Absatzmarktes für Demeter-Fleisch ein grosser Teil der Tiere zu den Bio-Weidemastbetrieben geht. Aktuell beschäftigen wir uns vertieft mit dem Aufbau eines Absatzkanals für Demeter-Fleischprodukte, um den Kreislauf zwischen Milch und Fleisch zu schliessen.

In welchen Kanal gelangen die 21 Tage alten Demeter-Tränker heute am ehesten, wenn sie nicht auf dem Geburtsbetrieb abgetränkt werden?

Wahrscheinlich gehen die Tränker in die Kälbermast, analog zu den Knospe-Tränkern. Wie bereits erwähnt, machen wir aktuell keine spezifischen Erhebungen.

Können Sie sagen, wie die allgemeine Marktsituation für Demeter-Produkte momentan aussieht?

Auch 2025 blieb die Nachfrage nach Demeter-Produkten ungebrochen hoch. Mit einem Umsatz von 140,3 Millionen Franken knüpfen wir nahtlos an das starke Vorjahr an. Demeter bietet eine klare Positionierung im Bio-Markt. Unsere Zuversicht für die künftige Marktentwicklung schöpfen wir aus unserer Identität: Biodynamische Qualität und eine ehrliche Verbindung zur Natur sind heute relevanter denn je. Diese Werte resonieren mit unseren Konsument(innen) und bilden die unverzichtbare Basis, um den Markt auch in Zukunft nachhaltig zu gestalten. Mit der Richtlinie des Abtränkens auf dem Geburtsbetrieb wollen wir der Entkoppelung von Milchwirtschaft und Fleischproduktion entgegenwirken und diese wieder zusammenführen – ein Anliegen, das sich mit unseren Werten und unserer Identität deckt.

Interview (schriftlich): Sera Hostettler

Wie sieht es bei IP-Suisse aus?

Tamara Roos, Mitglied der Geschäftsleitung von IP-Suisse, erklärt, wie die Situation für dieses Label aussieht. IP-Suisse beschäftige sich ebenfalls laufend mit Themen rund um Tiergesundheit und die Reduktion des Antibiotikaverbrauchs, so Roos. Es würden verschiedene Ansätze geprüft und diskutiert, darunter Modelle zur Aufzucht bzw. zum Abtränken der Kälber auf dem Geburtsbetrieb.

IP-Suisse sehe, dass solche Systeme aus Sicht Tiergesundheit interessante Ansätze bieten könnten. «Gleichzeitig ist es jedoch wichtig, die wirtschaftliche und arbeitsorganisatorische Realität auf den Betrieben mitzuberücksichtigen. Der zusätzliche Aufwand für längere Kälberhaltung auf den Milchbetrieben ist beträchtlich, während die Arbeitsbelastung auf vielen Betrieben bereits heute sehr hoch ist. Zudem wird es zunehmend schwieriger, ausreichend ausgebildete Arbeitskräfte zu finden», sagt Roos. Entsprechend müsse man die Frage in den Raum stellen, ob der Markt bereit sei, diesen Mehraufwand entsprechend mitzufinanzieren.

Aktuell verfolge die Labelorganisation keine konkreten Projekte in diese Richtung, hält Tamara Roos fest. Gleichzeitig gibt es mit dem Milchkalb-Konzept von Silvestri bereits ein bestehendes Modell auf Basis der IP-Suisse-Richtlinien. Ein zentraler Mehrwert dieses Programms ist unter anderem die Ausmast auf dem Geburtsbetrieb.

Sera Hostettler

Bio Suisse engagiert eine Arbeitsgruppe, um sich der Kälbergesundheit anzunehmen

Bei der Dachorganisation Bio Suisse sei die Arbeitsgruppe AG Kalb/Rind treibende Kraft, sagt Mediensprecher Lukas Inderfurth auf Anfrage der BauernZeitung. Die Gruppe treibe Massnahmen und Projekte voran, um in dieser Thematik Fortschritte zu erzielen.

«Aktuell führt unsere Mitgliedorganisation Bio Luzern ein Projekt namens Zuhause gross werden – Kälber auf dem Geburtsbetrieb abtränken durch, in dem auch der Kälbergesundheitsdienst KGD mitarbeitet. Am Projekt nehmen Geburtsbetriebe teil, die die Kälber abtränken (Milchbetriebe) und diese an Partnerbetriebe zur Ausmast auf der Weide abgeben. Mit diesem System wird die Kälbergesundheit gefördert und der Antibiotikaverbrauch reduziert. Zudem laufen in der Zentralschweiz und im Kanton Bern regionale Weiderind-Projekte für den Gastrokanal», so Inderfurth.

Bio Suisse ist demnach am Thema Kälbergesundheit dran. Das übergeordnete Ziel: die Koppelung von Milch- und Fleischproduktion zu stärken. Auf Geburts- oder Partnerbetrieben abgetränkte Kälber sollen als Remonten für die Weidemast vermehrt im Bio-Kanal abgesetzt werden, so der Tenor.

Sera Hostettler