Anfang Jahr waren sie überall in den Schweizer Städten zu sehen. Die Plakate mit einem herzigen Rind und dem Slogan «Dein Steak. Mein Leben.» Dazu kamen Sujets mit ebenso niedlichen Schweinchen und Kücken. Hinter der breit gestreuten Kampagne steht die Tierrechtsorganisation Tier im Fokus (TIF), ein Verein, der gleichzeitig den Veganismus propagiert.
Aktuell sorgt dieser mit weniger schönen Bildern für Aufsehen. Zusammen mit Tier im Recht (TIR) veröffentlichte die Organisation letzte Woche verdeckte Aufnahmen aus fünf Hühnermastbetrieben, die nach Richtlinien des Bundesprogramms «Besonders tierfreundliche Stallhaltung» (BTS) produzieren.
Fünf Pouletmastbetriebe angezeigt
Die Aktivisten kritisieren BTS heftig («Das sind Opfer der Massentierhaltung») und zeigten die fünf Betriebe wegen mehrfacher Tierquälerei ein (wir berichteten). Mittels Petition fordern sie ausserdem die Abschaffung der BTS-Beiträge.
TIF versteht aber auch das Spiel mit den Medien. Am Dienstag letzter Woche waren die verdeckten Aufnahmen in der SRF-Nachrichtensendung «10vor10» zu sehen, die 2017 im Schnitt täglich 402 000 Zuschauer(innen) erreichte. Der TV-Beitrag erzürnte die Migros-Fleischverarbeiterin Micarna dermassen, dass sie Beschwerde dagegen einlegen will (siehe Kasten).
Konsumenten verstehen etwas anderes
Ins TV-Studio war im Anschluss an den Beitrag Cesare Sciarra geladen, Leiter Kontrolldienst beim Schweizer Tierschutz (STS). Für ihn ist klar, dass Konsumenten unter dem Begriff BTS tatsächlich etwas anderes erwarten, wenn sie nach einem Poulet greifen. «Wenn es rein um den Begriff geht, ist es sicher eine ungeschickte Wortwahl», sagt er gegenüber der BauernZeitung. Die Formulierung sei aber ursprünglich nicht dafür gemacht geworden, Werbung zu machen.
Sciarra hält fest, dass BTS mit den erhöhten Sitzgelegenheiten für die Mastpoulets, den Wintergärten, mehr Tageslicht usw. ein «rechter Schritt» vorwärts sei zu den minimalen gesetzlichen Vorgaben in der Schweiz. Heute ist BTS in der Schweizer Pouletproduktion quasi Standard. Im Ausland seien die Besatzdichte und die Mortalitätsraten noch deutlich höher.
Tiere wachsen zu schnell
«Nicht ideal an BTS ist aber, dass es weiterhin schnell wachsende
intensive Hybriden sind», sagt der Fachmann. «Diese wachsen so schnell, dass die Knochen und das Gliederwachstum nicht nachkommen.» Hier unterscheide man sich auch nicht von den gesetzlichen Mindestvorgaben und vom Ausland.
«Wenn man wirklich von besserer Tierhaltung reden will, wären Freilandhaltung und langsam wachsendere Hybriden ein gewaltiger Schritt vorwärts», so Sciarra. Diese seien zwar auch in 56 Tagen zwei Kilo schwer, «aber sie können dann noch herumrennen», während die schnell wachsenden Hybriden nach 32 Tagen kaum mehr laufen könnten.
Ein Problem ist aber auch, dass viele Konsumenten wohl Tierwohl wollen, aber gleichzeitig ein möglichst billiges Poulet. «Je tiefer die Besatzdichte und je langsamer die Tiere wachsen, desto teurer die wird die Produktion», sagt er.
jw